Arkadische Oase

und erkunden den Gerisch-Skulpturenpark in Neumünster

Manche Menschen vergisst man nicht. Manche Begegnungen brennen sich ins Gedächtnis. So geht es mir mit Brigitte, von ihrem Mann und Freunden liebevoll Biggi genannt, und Herbert Gerisch. Bei den beiden vereint sich Kunstsinn und Sammlerleidenschaft zu einem ganz besonderen Mäzenatentum. Die Herbert-Gerisch-Stiftung ist ihr Leben. Und ihr Werk.

Vier Boten. Bronze. Jan Koblasa. 1990.

Vier Boten. Bronze. Jan Koblasa. 1990. © TA.SH

Ich stehe vor der imposanten Villa, die der kunstvolle Spitzen-Glas-Zaun „Annie“ von Olaf Nicolai einrahmt. Er erinnert an eine Gardine, so beschreibt es der Künstler. Wie passend für einen Ort, der sich der Verbindung von Kunst und Natur verschrieben hat und sich der Schönheit öffnet. Die alte Wachholtz Villa wurde dem Ehepaar Gerisch vor 14 Jahren angedient, mitsamt dem verwunschenen und verwilderten Park. Angelegt wurde das „Juwel der Gartenkunst“ vom berühmten Gartenbauarchitekten Harry Maasz, der in den 20er Jahren seine „Refugien zum Leben und Wohnen“ schuf. Eine Gartenreise durch den echten Norden könnte also genau hier starten.

Sonne pur auf der Terrasse: Der schönste Platz im Garten.

Sonne pur auf der Terrasse: Der schönste Platz im Garten. © TA.SH

Kaum haben Katrin Krumpholz, unsere Kulturmanagerin, Arne Lewandowski, der in Neumünster Stadtentwicklung und Tourismus verantwortet und ich die Villa betreten, werden wir von der Hausherrin, Brigitte Gerisch, herzlich begrüßt. Gemeinsam mit ihrem Mann Herbert ist sie die Chefin über Arkadien*. Eine hoch attraktive Dame ohne Alter, mintgrünes Etuikleid (mit einem Augenzwinkern verrät sie mir, dass sie es im Designer Outlet Neumünster erworben hat) und wunderschönem extravagantem Schmuck. Schon daran erkennt man den exzellenten Geschmack und den Sinn für die ausgewöhnlichen Dinge im Leben. Herbert Gerisch ist mit seinen über 90 Jahren ein überaus charmanter Gentleman und Gesprächspartner. Früher Baulöwe, Großwildjäger, heute Kunstmäzen. Viel gereist sind die beiden, auch auf ihrer Kunst-Schatzsuche. Menschen wie sie verleihen unserem Land diesen besonderen Glanz.

Die Lieblingsskulptur von Herbert Gerisch: die "Kissing Birds".

Die Lieblingsskulptur von Herbert Gerisch: die “Kissing Birds”. © TA.SH

Der Blick öffnet sich von oben auf den Landhausgarten. Wir steigen die Stufen hinab und setzen uns an einen der Kaffeehaustische. Die Sonne scheint heiß vom Himmel und hier ist es herrlich ruhig und kühl. Der Kuchen, der im Cafè und für uns bereit steht, ist einfach nur himmlisch. Von einer guten Bekannten der Hausherrin frisch gebacken, verrät sie uns. Auch hier nur beste Qualität.

Erzählt von seiner Leidenschaft für Skulpturen: Herbert Gerisch.

Erzählt von seiner Leidenschaft für Skulpturen: Herbert Gerisch. © TA.SH

Die beiden Kunstliebhaber haben es sich zur Aufgabe gemacht, dem Maasz-Garten wieder Leben einzuhauchen. 2007 wurde der Park neu eröffnet, damals mit acht Skulpturen. Heute sind es 28 Kunstwerke; zeitgenössische Kunst, die sich mit der Landschaft verbindet. Das Ehepaar Gerisch kennt viele der Künstler persönlich.

“Tiko”. Stahl gestrichen. Pit Kroke. 1989. © TA.SH

Der Gerisch-Skulpturenpark ist ein Schmuckstück, eine grüne Oase, die noch oft als Geheimtipp gilt. Wir bleiben vor einer Großplastik stehen, die mir sehr bekannt vorkommt: Auf einem Hinweisschild an der A7 weisen die „Kissing birds“ auf den Gerisch-Skulpturenpark hin. Es ist die Lieblingsskulptur von Herbert Gerisch. Auch mir gefällt die Figur, der fast zarte Kuss der beiden fliegenden Vögel.

Roter Eyecatcher: "huch" von Rupprecht Matthies.

Roter Eyecatcher: “huch” von Rupprecht Matthies. © TA.SH

Im Hintergrund leuchtet das „huch“ von Rupprecht Matthies, ein Kunstwerk, das im Rahmen der aktuellen Ausstellung aus der Kieler Sammlung Haus N in der Gerisch-Galerie gezeigt wird. Mir gefallen besonders die Kontraste: das satte Grün des Gartens und das Knallrot der Wort-Figur.

In gefühlten fünf Metern Höhe schwebt eine „Bilderbuchwolke“ über unseren Köpfen. Überraschend: Die Wolke, „Cumulus 11.08“ von Thorsten Goldberg lässt sich drehen! Andrea probiert es aus. Puh, ganz schön schwer! Aber erst einmal angeschoben, gleitet die wahr gewordene Schäfchenwolke schwerelos und leise über das Hausdach.

Geschafft: die Schäfchenwolke dreht sich!

Geschafft: die Schäfchenwolke dreht sich! © TA.SH

Die Wolke, „Cumulus 11.08“ von Thorsten Goldberg

Die Wolke, „Cumulus 11.08“ von Thorsten Goldberg © TA.SH

Friedlich und filigran wirkt gegenüber der „Guerriero della Pace – Krieger des Frieden“ des Italieners Mimmo Paladino. Die Lieblingsskulptur von Brigitte Gerisch. Die pickenden Vöglein auf dem Architekturfragment, eine zerbrochene Schale, strahlen etwas Sanftes aus. Idylle in Bronze gegossen. Mit aktuellem, starken Symbolgehalt. Wie die „Kissing birds“, die ebenfalls symbolisch für das politische Engagement des jüdischen Künstlers Kadhisman stehen.

Mit Handkuss werden wir vom Hausherrn verabschiedet. So ganz oft passiert das einer Frau im 21. Jahrhundert ja nicht mehr. In Arkadien schon.

Versteckt unter der "Liebesbuche": die Terrakotta-Skulptur von Bernd Kastner.

Versteckt unter der “Liebesbuche”: die Terrakotta-Skulptur von Bernd Kastner. © TA.SH

Tipp 1: Unter der riesengroßen 120 Jahre alten Hängebuche, einer Natur-Kathedrale kann man heiraten. Wie im Märchen schlüpfen wir unter den bis zum Boden hängenden Ästen durch und sind in einem grünen Raum. Die Sonnenstrahlen blitzen durch das Blätterdach. Wenn bei Ihnen gerade keine Hochzeit ansteht, hier finden auch Lesungen statt.

Tipp 2: Das Café Harry Maasz ist ein wunderbarer Platz für Gespräche und Genuss und ein idealer Pausenstopp nach und vor den Entdeckungen in Neumünster. Waren Sie schon im Textilmuseum Tuch + Technik? Nein? Dann nichts wie hin.

*Arkadien ist jenes sprichwörtliche antike Hochland, wo der römische Dichter Vergil bereits 40 vor Christus das sorgenfreie Zusammenleben von Mensch und Natur verortete. Hier lebten die Menschen unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Druck in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten. Noch heute werden mit Arkadien Orte mit einem glückseligen Landleben bezeichnet. Wir nennen das bei uns Glückwachstumsgebiet.

 

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