Auf den Spuren des heiligen Vicelin

erkundet mit dem Rad das grüne Neumünster und seine Umgebung

Heute begebe ich mich mit zwei weiteren Radfahrern auf einen Teil des Vicelinweges. Zunächst denke ich an eine gemütliche Tour auf einer regionalen Radroute, finde mich aber unversehens mitten in spannenden Geschichten.
Geschichten von Gruften, verschollenen Gebeinen und herabstürzenden Kirchenglocken. Geschichten von Mönchen, Klöstern und kirchlichen Baumeistern.
Ich finde mich beim Adel, ja gar bei Herzögen und europäischen Königshäusern wieder. Ja, selbst Sagentiere wie Drachen begegnen mir heute.
Auch wenn der Vicelinweg nur rund 100 km lang ist und wir heute nur einen kleinen Teil der Radroute von Neumünster bis Bordesholm erkunden, so gehen die Geschichten doch von Bremen nach Frankreich, vom Novum Monasterium über Glückswinkel bis nach Dänemark und ins weit entfernte Russland.

Innenleben Vicelinkirche © TA.SH

Innenleben Vicelinkirche © TA.SH

Nun aber der Reihe nach und da erahne ich noch nicht, dass der Tag so endet wie er beginnt: Mit einem kulinarischen Genuss!
Verabredet bin ich mit meinen beiden Mitfahrern bei Fräulein Frieda, einem süßen, kleinen Café in der Innenstadt Neumünsters. Der Blick von außen verspricht genau das, was einen beim Frühstück erwartet. Ein gemütlicher Ort, eine herzliche Bedienung und frische, hausgemachte Köstlichkeiten. Für kleinere Gruppen empfehle ich eine Reservierung, denn kurz nach Öffnung der Türen war es selbst an einem Wochentag in wenigen Minuten rappelvoll.

Café Fräulein Frieda © TA.SH

Café Fräulein Frieda © TA.SH

Beim leckeren Frühstück begrüßte ich nicht nur meine beiden Mitfahrer Arne Lewandowski und Simone Bremer, sondern lausche dem Tourismusbeauftragten der Stadt Neumünster und der Pastorin der Vicelin-Kirchengemeinde bei den ersten spannenden Ausführungen. Die Vicelinkirche ist schließlich nur einen Steinwurf von uns entfernt und unser heutiger Ausgangspunkt für die gemeinsame Radtour. An dem Standort der Vicelinkirche stand früher die Bartholomäuskirche, das Novum Monasterium. Das „neue Münster“ an dem der Mönch Vicelin durch Gründung eines Augustiner-Chorherrenstifts seine missionarische Tätigkeit im Auftrag des Bremer Erzbischofs um 1127 bei den Slaven aufnahm. Ursprünglich hatte Vicelin anderes vor, ging von Bremen nach Lyon in Frankreich und von dort nach Magdeburg. Hier erfüllte sich sein Missionarswunsch nicht und er kehrte nach Bremen zurück, um dann nach „Wippendorp im Gau Faldera“ entsandt zu werden. Wippendorp ist die erste urkundliche Erwähnung der heutigen Stadt Neumünster.

Der Standort der Vicelinkirche ist somit die Keimzelle der heutigen Stadt Neumünster. Sie steht im Stadtzentrum am Kopfende des zweiten zentralen Platzes, dem Kleinflecken, einem alten Marktplatz und vis-a-vis dem Museum Tuch & Technik und der Stadthalle. Die Vicelinkirche ist einer der bedeutendsten klassizistischen Kirchenbauten in Schleswig-Holstein und wurde nach den Plänen des könglich-dänischen Oberbaudirektors Christian Friedrich Hansen im Zeitraum 1829-1834 erbaut. Hansen gilt als der einflussreichste Architekt des klassizistischen Stils und erbaute weitere Kirchen, wie die Frauenkirche und Schlosskirche in Kopenhagen, das Rathaus in Plön sowie Landhäuser und Villen. Etwa die Villa Eschenburg in Lübeck, die heute das Brahms-Institut der Musikhochschule beherbergt.
Bevor wir drei uns endgültig auf die Drahtesel schwingen, heißt es erst einmal eine Menge Stufen zu erklimmen. Rauf auf den Turm der Vicelinkirche, vorbei an einer über 300 Jahre alten Glocke. Ein Überbleibsel der alten Bartholomäuskirche am selben Flecken. Die Glocke fiel beim Totengeläut für Peter III. von Russland, der Ehemann Katharina der Großen, krachend durch den Turm der baufälligen Kirche zu Boden. Schließlich fand sie hier an gleicher Stelle – bis heute – ihr neues Zuhause.

KIrchenglocke in der Vicelinkirche © TA.SH

KIrchenglocke in der Vicelinkirche © TA.SH

Oben im Turm angekommen stößt Pastorin Bremer eine massive Holztür auf. In fast 40 Meter Höhe erleben wir eine grandiose Aussicht über die gesamte Stadt und das Umland. Dieser Blickwinkel ist ein wahrer Glückswinkel, denn unter dem Titel „Glückswinkel“ bietet das Tourismusbüro einige nicht ganz alltägliche Blickwinkel und Mitmach-Aktionen an. So auch den Ausblick vom Kirchturm, ein Craft-Beer-Testing bei Schwalebräu, eine Tierlotterie im Tierpark oder einen Blick hinter die Kulissen der Holstenhallen und vieles mehr.
Nun aber endlich rauf auf´s Fahrrad! Was der Blick von oben schon verraten hat und viele Auswärtige kaum glauben mögen, Neumünster ist eine wahnsinnig grüne Stadt.
Vom Stadtzentrum dauert es auch für uns keine fünf Minuten und wir sind schon mitten im Grünen. Über die Dörfer Tasdorf und Großharrie geht es in Richtung Dosenmoor.
Das Dosenmoor ist das größte regenerierende und zusammenhängende Hochmoor Schleswig-Holsteins. Das Info-Zentrum bietet viel Wissenswertes und Führungen an. Der Abstieg vom Rad lohnt hier allemal, bevor es am westlichen Rand des Moores, am Ostufer des Einfelder Sees weiter in Richtung Bordesholm geht. Der Einfelder See und der nördlich angrenzende Bordesholmer See sind auf unserer Strecke eine Oase der Entspannung. Gleichzeitig auch ein Ort für Wassersportler, insbesondere Segler und Kanuten, sowie ein Badeparadies an sonnigen Sommertagen.

Entspanntes Radeln am Einfelder See © TA.SH

Entspanntes Radeln am Einfelder See © TA.SH

Zwischen beiden Seen liegt Mühbrook. Angeblich sind hier schon die Gebeine des Missionars Vicelin verschollen gegangen, zumindest wird dies in manch einer Überlieferung gesagt. Seine Gebeine wurden jedenfalls trotz archäologischer Suche nicht auf dem Gelände des Klosters Bordesholm gefunden, wo sie vermutet wurden. Dabei liegen in den Gewölben und Gruften so manche bekannten Toten. Dazu aber später mehr.
Mühbrook lädt zur Pause ein. Im Sommer zur Abkühlung an der Badestelle, ganzjährig für eine Stärkung in den Cafés oder Restaurants vor Ort.
Wie schon am Einfelder See geht die Strecke am Bordesholmer See hauptsächlich über gut ausgebaute, wassergebundene Wege – meistens in Seenähe – und vielfach schattig in Richtung Bordesholm.

Natur Pur am Bordesholmer See © TA.SH

Natur Pur am Bordesholmer See © TA.SH

An der Klosterkirche, dem ehemaligen Stift der Augustiner Chorherren, erwartet uns schon Nils Claussen zur weiteren Spurensuche. Im Jahr 1332 überführten die Chorherren die Gebeine ihres Stiftgründers Vicelin von Neumünster (Novum Monasterium) nach Bordesholm und begründeten damit einen zentralen Ort überregionaler Bedeutung. Aber wie gesagt, die Gebeine Vicelins sind hier heute nicht mehr auffindbar und Mühbrook soll damit was zu tun haben. Der Ortsname an sich soll daraus entstanden sein.

Klosterkirche Bordesholm © TA.SH

Klosterkirche Bordesholm © TA.SH

Mit Auflösung des Stifts 1566 ging die Gründung einer Gelehrtenschule einher. Die wiederum bildete 1665 den Grundstock der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Mit Nils Claussen müssen wir uns in der Kirche etwas sputen, denn das Innere der Kirche ist in Kürze durch die Gemeinde belegt. Zielstrebig greift er hinter ein Wandgemälde und holt zwei große Schlüssel hervor. Unterstützt von uns wird ein schwerer Deckel zur Seite gehievt und wir steigen eine Etage tiefer ins Dunkel. Hatte er nicht etwas von Drachen in der Kirche gesagt?
Im Gewölbe der Gruft angekommen, erleuchtet eine Taschenlampe eine Skizze mit einem Lageplan und Gott sei Dank, wir sind in der Professorengruft und nicht bei furchteinflößenden Drachen.

In der Professorengruft © TA.SH

In der Professorengruft © TA.SH

Neben dieser Gruft gibt es noch eine Reihe anderer Gruften in der Kirche und eine besondere Ehre erhielt das Stift als der damalige Landesherr von Schleswig-Holstein-Gottorf, Friedrich I., zusammen mit seiner Frau Anna von Brandenburg die Klosterkirche als letzte Ruhestätte auswählte. Von der „Russischen Kapelle“ begeben wir uns ins Museum und dort wieder eine Etage tiefer ins Gewölbe. Dort wartet schon eine gedeckte, zeitgenössische Tafel mit selbstgebackenem Brot, frischen Beeren, Bier, Käse und Tarte. Ein zweiter kulinarischer Genuss an diesem Tag und völlig unerwartet!

Im Gewölbekeller © TA.SH

Im Gewölbekeller © TA.SH

Mit unseren Exkursen am Vicelinweg ist es eine vollständige Tagestour geworden, die ganz viel Lust darauf gemacht hat, auch noch den Rest dieser regionalen Radroute zu erkunden. Ich werde mich demnächst also aufmachen und über Kirchbarkau und Preetz weiter nach Löptin und Wankendorf sowie Bornhöved und Trappenkamp den Kreis Richtung Neumünster zu schließen.

Erlebnisführung - Suche den Drachen © TA.SH

Erlebnisführung – Suche den Drachen © TA.SH

Für Radurlauber auf den Radfernwegen Mönchsweg, Ochsenweg, Holsteinische-Schweiz-Radtour bietet sich der Vicelinweg ebenfalls an. Entweder als Ergänzung oder als Verbindung zwischen den drei Radfernwegen. Neumünster hat als Ausgangspunkt oder Zwischenstopp eine ganze Menge zu bieten und ist mehr als eine Übernachtung wert. Bett & Bike Betriebe sind mit dem Hotel Prisma, dem Kiek In und dem Hotel Wittorf dafür ausreichend vorhanden.
Ach ja, ich war todesmutig und hab dem Drachen aus nächster Nähe direkt in die Augen gesehen. Es gibt ihn also wirklich!

 

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