Auf den Spuren Emil Noldes in Flensburg

erkundet Noldes Frühwerk im Museumsberg Flensburg

„Ich weiß sehr wohl, dass meine Kunst sich nicht an das Flensburger Publicum richtet, auch nicht speciel (sic!) an das der haimatlichen Provinz (sic!)“. Dieses Zitat fällt mir direkt ins Auge, als ich den ersten Raum der Sonderausstellung „Nolde in Flensburg“ auf dem Museumsberg Flensburg betrete.

Abgedunkelt in Vitrinen: die Briefe Emil und Ada Noldes.

Abgedunkelt in Vitrinen: die Briefe Emil und Ada Noldes. © TA.SH

Den 150. Geburtstag Emil Noldes nimmt der Museumsberg Flensburg zum Anlass, seine Nolde-Sammlung erstmals in seiner Gesamtheit und in neuem, konzeptionellem Gewand zu zeigen. Wussten Sie, dass Nolde seine Karriere in der Fördestadt begann? Als Lehrling in der Werkstatt des Möbelfabrikanten Heinrich Sauermann lernte er von 1884 bis 1888 Möbelschnitzer. Sauermann war Kunstsammler sowie Gründer und erster Direktor des Kunstgewerbemuseums Flensburgs. Kein Wunder also, dass Nolde zu keinem anderen Museum in Schleswig-Holstein eine so enge Beziehung aufbaute.

Bei dem Zitat muss ich ein wenig schmunzeln: Heute steht Emil Nolde als Maler des Nordens synonym für die Weiten Nordfrieslands, für die Landschaft an Schleswig-Holsteins Westküste. Doch damals? Als junger Expressionist wurde er verkannt, für seine verschollene “Kreuzigungsszene” von 1909 gar angefeindet, verkaufte kaum Werke.

Die Briefe von Emil und Ada Nolde können Besucher an Ipads lesen.

Die Briefe von Emil und Ada Nolde können Besucher an Ipads lesen. © TA.SH

Ich überfliege einige Briefe Noldes auf einem Ipad. Die sind eine kleine Sensation, denn sie wurden erst jüngst im Nachlass Ernst Sauermanns entdeckt, Sohn des Museumsgründers und dessen Nachfolger: rund 50 Briefe, verfasst von Emil und Ada Nolde zwischen 1905 und 1916, die Sauermann nebst der Korrespondenz mit Kunsthistorikern der Zeit zuhause verwahrte. Briefe, die bislang unveröffentlicht sind und nun als Kopien erstmals öffentlich gezeigt werden.

Es ist schon etwas sehr Besonderes, neue Aspekte zu Emil Noldes Leben und Arbeiten zeigen – und gleichzeitig ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des Hauses öffnen und wissenschaftliche Lücken schließen zu können. Noch dazu zum Jubiläumsjahr 2017. Die Briefe sind ein Glücksfall für das Museum – und für Sie und mich als Besucher, erhalten wir doch neue Einblicke in Noldes Persönlichkeit, Denken und Schaffen.

Die "Hohen Wogen" von 1939 sind angeblich Angela Merkels Lieblingsgemälde. © Nolde Stiftung Seebüll / Foto: Ina Steinhusen

Die “Hohen Wogen” von 1939 sind angeblich Angela Merkels Lieblingsgemälde. © Nolde Stiftung Seebüll / Foto: Ina Steinhusen

„Wie Ochsen“ stand das Publikum 1909 bei seiner ersten Ausstellung im Flensburger Kunstgewerbemuseum vor seinen Werken. Er selbst sehe sich eher in Museen in Stockholm oder Nordamerika, schreibt er Sauermann, weil er wenig Unterstützung im Land erfahre. Umso erstaunlicher, dass seine Werke heute so beliebt sind – und abertausende Besucher locken. Ich frage mich, ob man heute noch mit Kunst eine solch starke Reaktion beim Publikum hervorrufen kann?

Die Briefe ergänzen den Sammlungsbestand des Hauses: rund 70 Gemälde, Aquarelle und Grafiken. Zu sehen sind drei Gemälde, darunter Hohe Wogen von 1939, das vermeintliche Lieblingsbild von Angela Merkel. Ein Dutzend Aquarelle – darunter Mohnblumen und nordfriesische Landschaftsszenen – belegt, warum er sich weithin einen Ruf als begabter Aquarellist erworben hat.

Emil Noldes Radierung von 1898: der "Frauenkopf". © Nolde Stiftung Seebüll / Foto: TA.SH

Emil Noldes Radierung von 1898: der “Frauenkopf”. © Nolde Stiftung Seebüll / Foto: TA.SH

Die zahlreichen Grafiken, darunter sein erster Akt und Holzschnitte, zeigen seine ersten Gehversuche mit Drucktechniken: Eine Kaltnadelradierung von 1898 ist ebenso zu sehen, wie ein Holzschnitt, der von den Brücke-Künstlern beeinflusst ist. Den Holzschnitt erlernte er 1906 in Berlin vom jungen Karl Schmitt-Rottluff. Den Brücke-Künstlern verhalf er übrigens zu ihrer ersten Museumsausstellung: Er vermittelte deren Wanderausstellung 1907 nach Flensburg, stellte selbst aber erst zwei Jahre später aus.

Humorvoll, grotesk, märchenhaft: die Bergpostkarten Emil Noldes für das Magazin "Jugend". © Nolde Stiftung Seebüll / Foto: TA.SH

Humorvoll, grotesk, märchenhaft: die Bergpostkarten Emil Noldes für das Magazin “Jugend”. © Nolde Stiftung Seebüll / Foto: TA.SH

Vor einer Stellwand mit Bergpostkarten bleibe ich neugierig stehen: Nolde schuf sie während seiner Zeit in der Schweiz. Für die Zeitschrift „Jugend“ entwarf er Berggipfelmotive in Sagengestalt.
Mehr als 100.000 Stück verkaufte er innerhalb von zehn Tagen; der frühe Erfolg ermöglichte ihm das freie Künstlerleben – und Reisen nach München, Dessau, Paris und Berlin.

Ein beliebtes Motiv des Expressionisten Emil Nolde: Mohnblumen. © Nolde Stiftung Seebüll / Foto: Ina Steinhusen

Ein beliebtes Motiv des Expressionisten Emil Nolde: Mohnblumen. © Nolde Stiftung Seebüll / Foto: Ina Steinhusen

„Nolde in Flensburg“ ist für mich der gelungene Auftakt für das Jubiläumsjahr. Mit der aktuellen Ausstellung, die erstmals den Nolde-Sammlungsbestand des Hauses zeigt und die bislang unveröffentlichten Briefe, schließt sich für mich ein Kreis: Auf dem Museumsberg fand 1909 eine seiner ersten Ausstellungen als junger Maler statt – und 1950 seine letzte.

Ich bin gespannt, welch weiteren neuen Erkenntnisse die Ausstellungen von „Nolde im Norden“ 2017 zu bieten haben. Ich lasse mich überraschen!

Kreativtipp: Im Sonntagsatelier können Kinder ab sechs Jahren sich von Noldes Werken inspirieren lassen, selbst malen und zeichnen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Übrigens:
Die Ausstellung gehört zur Ausstellungskooperation „Nolde im Norden“, die ausgehend vom Nolde-Museum in Seebüll vier weitere Ausstellungen in Schleswig-Holstein umfasst.

  • Die Nolde-Stiftung Seebüll zeigt in ihrer Jubiläumsschau die Meisterwerke des Expressionisten (1. März bis 30. November 2017).
  • Seine berühmteste Reise, die Reise nach Neu Guinea in den Jahren 1913/1914, ist Gegenstand der großen Sommerausstellung „Nolde in der Südsee“ auf Schloss Gottorf (8. Mai bis 3. September. 2017).
  • Die Beziehung Noldes zu den Brücke-Künstlern zeigt die Kunsthalle zu Kiel in ihrer Schau vom 18. November 2017 bis 2. April 2018.
  • Eine Auswahl seiner Aquarelle zeigt das Museum Behnhaus Drägerhaus vom 7. Juli bis 7. Oktober 2018, darunter die „Ungemalten Bilder“.

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