Gerkan, Graswarder und der Gralshüter

unterwegs in Heiligenhafen
Pfefferkresse

Die Pfefferkresse – erstaunlich würzig! © TA.SH

Zimperlich darf man bei Klaus Dürkop nicht sein. Was er uns in die Hand drückt, ist zu verkosten. Wir sind auf dem Graswarder, einem einzigartigen Naturschutzgebiet in Heiligenhafen, und unser Gastgeber vom NABU-Naturzentrum, Klaus Dürkop, zupft grüne Blätter vom Wegesrand. “In Frankreich ist das eine Delikatesse.” Wir reiben die Blätter und schmecken. “Wenn Sie das nicht erkennen, sind Sie keine Frau zum Heiraten”, stellt Klaus Dürkop fest und schaut mich erwartungsvoll an. Oh je, das setzt mich ja jetzt richtig unter Druck. Mein Kollege und Geschäftsführer aus Heiligenhafen, Manfred Wohnrade, strengt sich ebenfalls an, aber unsere Geschmacksnerven offenbaren es nicht, trotz des köstlich scharfen Geschmacks. Klaus Dürkop löst auf: das ist Pfefferkresse. Die wächst hier wie Unkraut und ist auch noch wunderhübsch mit ihren kleinen weißen Kugelblüten an feinen Stengeln, ein blühendes Molekülmodell. Schade, dass ich keinen Spaten dabei habe, sonst könnte ich das wohlschmeckende Gewächs heute Abend in meine heimische Kräuterspirale pflanzen. Aus dem feuchten Torfboden der Salzwiese rupft Klaus Dürkop das nächste fleischige Gewächs. Queller. Der schmeckt herrlich salzig und man kann ihn wie Spargel zubereiten.

Der "Meeres-Spargel": Queller

Der “Meeres-Spargel”: Queller © TA.SH

Klaus Dürkop, der ehemalige Landesnaturschutzbeauftragte, ist zeitlebens der Hüter des Graswarders. Seit Jahrzehnten verteidigt er diese heile Welt gegen Lärm, Übernahme und Begehrlichkeiten aller Art. Dieser feine, energische und charismatische Mann fesselt mich von Anfang an. Und hier habe ich auch meinen echten Traumplatz gefunden: die Dienst-Terrasse unseres Gastgebers, die wie ein Balkon über die Vogelkolonie thront. Klaus Dürkop öffnet das Tor und führt uns zu diesem besonderen Ort. Der Tisch ist gedeckt: mit Kaffee, Keksen und Ferngläsern und alle Stühle sind zur Natur ausgerichtet. Schwalben brüten im Dach und wir nehmen Platz, Fenja Gengelazky, die bei uns das Thema Barrierefreiheit verantwortet, mein Kollege Manfred Wohnrade und seine Kollegin Jessica Wenzel. Ich setze mich neben Klaus Dührkop, der auf den Stuhl neben sich klopft. Das duldet keinen Wiederspruch.

Auf der Terrasse bei Klaus Dürkop

Auf der Terrasse bei Klaus Dürkop. © TA.SH

Sofort erfasst mich der Zauber des Graswarder. Wohlige Wärme erfüllt mich. Mein Blick ist gefesselt von diesem Naturschauspiel, den Senken, Wiesen und der Vogelkolonie. “Hier hat auch schon unser Ministerpräsident gesessen”. Unser Landesvater weiss eben, wo es wirklich echt und wunderschön ist. Und er ist gebürtiger Heiligenhafener. Aber nicht nur die Mitglieder der Landesregierung, jeder sollte die Möglichkeit haben, hier neben Klaus Dürkop Platz zu nehmen, um plötzlich und wirklich zu verstehen was intakte Natur für uns Menschen bedeutet: Heimat. Obwohl ich aus Oberbayern komme, spüre ich mit jeder Faser meines Körpers Heimatgefühle. Genau hier: inne halten, atmen und da sein. Auf dem Graswarder.

Unterwegs auf dem Graswarder

Unterwegs auf dem Graswarder © TA.SH

Der NABU-Chef erzählt uns von der Vogelkolonie, die in der Saison von Ostern bis Oktober täglich um 10.30 Uhr und um 15.00 Uhr besucht werden kann, von Sturmmöven, Enten, Graugänsen und Austernfischern und auch vom Fuchs, der trotz Elektrozaun die Vogelkolonie als sein persönliches Schlaraffenland betrachtet und nachts die Eier und Jungtiere frisst. “Kein Jungvogel wird dieses Jahr überleben”, erzählt uns der Naturschützer traurig. Wir können das nachfühlen, denn das Aufwachsen und Ausfliegen der Jungvögel zu beobachten, ist für jeden Naturschützen der Lohn für seinen leidenschaftlichen Einsatz.

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Der Beobachtungsturm auf dem Graswarder – eine preisgekrönte Holzkonstruktion. © TA.SH

Und doch gehen wir weiter, vorbei an den zehn reetgedeckten und denkmalgeschützen Häusern auf dem Graswarder, die Motive fast jeder Postkarte im Ort sind und wie eine Perlenkette am Strand aufgereiht stehen.

Graswarder

Blick über den Graswarder © TA.SH

Das orange-blaue gehört dem Stararchitekten Meinhard von Gerkan, der auch, wie Klaus Dürkop stolz berichtet, 2005 den hölzernen Beobachtungsturm im Naturschutzgebiet entworfen hat. Und dafür den Internationalen Architekturpreis gewonnen hat. Wir klettern hoch. Unser Blick reicht über die Spitze der Nehrung bis zur Fehmarnsundbrücke.

Klaus Dürkop hat sein Schatzkästchen für uns geöffnet und wir strahlen. Noch immer, da er diesen Schatz mit uns teilt. Dieses Glück ist echt!

1 Antwort

  1. Ich bekomme Fernweh und du, liebe Andrea, Heimweh…..
    Tolle Idee dieser Bloog – bringt uns deine Heimat nah :-)
    Liebsten Gruss aus Wien

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