Grünes, Buntes, Goethe und die Zeit

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Wie schön, dass ich heute das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann: Nach einem Termin im Gartenbauzentrum Ellerhoop besuche ich die benachbarte Norddeutsche Gartenschau im Arboretum – eine von zehn Stationen der Gartenroute “Von Baumschulbaronen und Pflanzenjägern”.

Typisch schleswig-holsteinisch: der Bauerngarten vor dem Mühlenhof. © TA.SH

Am Eingang zum neun Hektar großen Schaugelände erwartet mich Professor Hans-Dieter Warda, seit 30 Jahren ehrenamtlicher wissenschaftlicher und künstlerischer Leiter des Arboretums. Bei Kaffee und Kuchen im gemütlichen Hofcafé erfahre ich zunächst mehr über die Anfänge und Entstehung der Norddeutschen Gartenschau seit den 1960er Jahren, die rund 50 Farb- und Themengärten umfasst.

Etwas weltweit Einzigartiges zu erschaffen, von anspruchvollem Niveau, das ist das Anliegen des ehemaligen Gartenbau-Professors. Und so reihen sich botanische Besonderheiten, in Vergessenheit geratene Pflanzen und Veranstaltungen rund um die blühenden Schönheiten aneinander: die Kamelienblüte im Winter; die großflächig blühenden 600.000 Dichter-Narzissen im Frühjahr; die Pfingstrosenblüte im Frühsommer, deren Sammlung mit 2.500 Einzelpflanzen zu den größten in Deutschland zählt; die Hochblüte der indischen Lotosblume Anfang August.

Wie glitzernde Diamanten: Wassertropfen auf den Lotosblättern. © TA.SH

2014 waren es über 10.000 Blüten! Damit zeigt die Norddeutsche Gartenschau die größte Lotos-Freilandkultur in Deutschland. “Wer einmal hier war, der kommt immer wieder”, schwärmt Mitarbeiterin Julia Kranich über die Ellerhooper Lotosblüte, die jährlich mit einem zweitägigen Fest begangen wird. “Es ist ein Traum, eine ganz andere Welt.” Heute sind zwar nur vereinzelte Knospen zu sehen, aber auch die Wassertropfen auf den Lotosblättern schauen sehr hübsch aus: Sie schimmern wie Diamanten. “Wenn sich das Licht der Abendsonne darin bricht, werden sie auch mal zu Rubinen und anderen Edelsteinen”, erzählt Professor Warda begeistert.

Ein ungewohnter Anblick: schwarzrote Sträucher und Bäume. © TA.SH

Der Kontrast von Rot und Grün ist also nicht nur ein Thema im Herbst, wenn die Herbstblüher Teile des Gartens richtiggehend “brennen” lassen, und sich das “Inferno” im See widerspiegelt. Die “Purpurnen Impressionen” zeigen rotblühende Blumen und Sträucher; manche Hecken und Blüten wirken fast schwarz. So wie die Schokoladen-Cosmeé. Mmmmh, duftet herrlich schokoladig! “Mit roten Pflanzen kann man viel falsch machen”, erklärt mir Professor Warda. “Die kleinen Gärten und Pflanzenbilder sind so angelegt, dass sie Besucher inspirieren, aber auch entspannen und beruhigen.” Der Romantische Rosengarten ist in Zartblau, Rosa, Hellviolett und Blaurosa gehalten.

Überhaupt dominiert an einigen Stellen die Farbe Blau, die Lieblingsfarbe von Professor Warda, wie im “Garten der Seele”: Dort überraschen zwei große blau-weiße Marmorplatten, umgeben von blau blühenden Hortensien. “Diesen Garten habe ich meiner Frau gewidmet”, erzählt Warda. Ein Zitat aus Eichendorffs Gedicht “Mondgarten” ziert an verschiedenen Stellen den Garten; ein Garten der Liebe, der exemplarisch für das gesamte Gartenschaugelände steht.

Blau, die Farbe, die schon Picasso faszinierte. © TA.SH

Die Leidenschaft für das Musische zeigt sich auch in den vielen Infotafeln, für die Swantje Warda zarte Aquarelle angefertigt hat, und in den Gedichten und Zitaten berühmter Schriftsteller und Künstler in den einzelnen Bereichen des Gartens. Es überrascht mich nicht, dass sich der Gartenherr selbst als Romantiker bezeichnet. Seine Lieblingsfarbe verbindet ihn übrigens auch mit den Literaten des 19. Jahrhunderts, deren Symbol die blaue Blume war.

Jurassic Park in Ellerhoop. © TA.SH

Weiter geht’s. Auf dem geologischen Erlebnispfad passieren wir – einen Dinosaurier, den vor allem Kinder toll finden. Faszinierend ist der 27 Jahre alte Wasserwald – fast unglaubliche 27 Millionen Jahre alt die versteinerten Baumstämme am Seeufer. “Steinalt” wie der Bernstein, das “Gold der Bäume” und Thema des nächsten Gartens. Spielerisch leicht und klug erfahren Kinder und Erwachsene mehr über die Bernsteinwälder sowie Jahrmillionen Erd- und Botanikgeschichte, die wir gerade durchschreiten. Sehr beeindruckend!

Aus- und Durchblick für Groß und Klein. © TA.SH

Ich frage Professor Warda nach seiner Lieblingsjahreszeit. “Ich mag vor allem den Übergang vom Sommer zum Herbst”, antwortet er, “das Melancholische hat etwas”. Im anschließenden Winter ruht er, anders als die meisten Pflanzen, jedoch nicht: Dann plant er für die kommende Saison und entwickelt Projekte wie die Baumerlebnis-Welt, dessen Zentrum ein Nachbau des “General Sherman Tree”, des größten lebenden Baumes bildet; ein Mammutbaum von elf Metern Durchmessern.

Wachsen in den Himmel: Stockrosen. © TA.SH

Unser Rundgang nähert sich seinem Ende. Auf dem Rückweg kommen wir am NDR-Fernsehgarten vorbei und verweilen abschließend im Bauerngarten, Wardas erstem Werk. Hier wachsen farbenfroh blühende und duftende Nutz- und Zier-, Kräuter- und Heilpflanzen, wie zu Großmutters Zeiten. Vor allem die Stockrosen, Malven, gefallen mir, “die Lieblingspflanze von Goethe”. Im Weitergehen nascht mein Begleiter von roten Johannisbeeren.

Hat den grünen Daumen: NDR-Fernsehgärtner John Langley. © TA.SH

Ich ahne, dass ich nur einen Bruchteil des Gehörten und Gesehenen hier wiedergeben kann – und denke an Goethes “Italienische Reise” und ein Zitat, das ich im Toskana-Garten entdeckt habe: “Die Kutsche ist viel zu schnell …”. Darum werde ich wiederkommen, um noch mehr über Pflanzen, Gartengestaltung und Umweltgeschichte zu erfahren. Vielen Dank für einen spannenden Nachmittag!

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