„Gut Kraut“ oder: Bleiben Sie gesund!

auf Kohltour in Dithmarschen

Auf meine heutige Tour habe ich mich vorbereitet: mithilfe des Quiz-Spiels „Was wissen Sie über Kohl?“. Wussten Sie, dass Chinakohl die Kreuzung aus Pak Choi (chinesischer Senfkohl) und Speiserübe ist? Oder was Spitzkohl, Zuckerhut und Butterkohl gemeinsam haben? Mit meinem getesten Halb-Wissen starte ich zu meiner „Kohltour“ nach Friedrichskoog und Wesselburen, in die „Kohlkammer Deutschlands“. Über 3.000 Hektar Anbaufläche bilden hier das größte zusammenhängende Gemüse- und Kohlanbaugebiet Europas! Nach einer tollen Fahrt durch das herbstlich-neblige Binnenland genieße ich den weiten Blick über die Kohlfelder Dithmarschens: Kohl. Bis zum Horizont. So weit das Auge reicht.

Kohlanschnitt mit Musik

Mitten auf dem Acker: der Kohl-Anschnitt mit Landwirtschaftsminister Robert Habeck.

Mitten auf dem Acker: der Kohl-Anschnitt mit Landwirtschaftsminister Robert Habeck. © TA.SH

Auf dem Hof Timm in Friedrichskoog hat sich bereits die Polit-, Regional- und Lokalprominenz auf einem Acker eingefunden, als ich eintreffe. Der Auftakt der Dithmarscher Kohltage findet traditionell mit dem „Kohl-Anschnitt“ statt. Mit mir stimmen sich heute bis zu 5.000 Besucher auf die Kohltage ein – auf dem Bauernmarkt mit Verkaufs- und Informationsständen, Musik und Klönschnack, jeder Menge Kohlgerichte und Oldtimer-Treckern. Ich lausche den Jazz-Klängen einer örtlichen Band und genieße ein Stück Kohlbrot, das mich mit seiner Saftigkeit überrascht.

Als Fränkin sind mir Bratwurst mit Sauerkraut nicht fremd, und da ich gerne regionale Spezialitäten probiere – lasse ich mich zu einer Grillwurst mit Rotkohl und Sarzbütteler Nordseekäse überreden. Dazu gibt es selbstgemachte Senfsorten. Beides – Grillwürste und Senfvarianten – gibt es ausschließlich zu den Dithmarscher Kohltagen, erfahre ich. Ich probiere zwei Sorten, Rübensenf und Senf mit Bärlauch, während eine Tischnachbarin sich an Schokoladensenf wagt. Gewagt, wie ich finde. Der Senf sieht aus wie Nutella. Und schmeckt wohl auch so.

Berühmt: das Wesselburener Sauerkraut

Am Ende des Vortrages bekommt jeder Besucher einen Probierteller mit verschiedenen Krautsalaten - lecker!

Am Ende des Vortrages bekommt jeder Besucher einen Probierteller mit verschiedenen Krautsalaten – lecker! © TA.SH

Gut gestärkt führt mich meine „Kohltour“ weiter nach Wesselburen: Ich will mir das Kohlosseum mit seiner Krautwerkstatt ansehen. Im Gebäude der ehemaligen Zucker- und Konservenfabrik wird das Sauerkraut auf besondere Weise zubereitet: Es wird im Glas vergoren. Durch die schonende Verarbeitung ohne Hitze behält der Kohl seine Vielzahl an Vitaminen und Mineralien, die ihn so gesund machen. Das Patent hat Krautmeister Hubert Nickels erfunden. Seit 19 Jahren erforscht er nicht nur die naturheilkundliche Geschichte des Kohls, sondern entwickelt sein Verfahren der Glasvergärung weiter – und neue Produkte. Wie das „Gemüse-Allerlei“, das wir am Ende seines Vortrags probieren dürfen: Weißkohlsalat mit Sahne und Ananas, verfeinert mit der Kräutermischung des Hauses und Meerrettich. Köstlich!

Krautmeister Hubert Nickels zeigt eine Kohlpflanze, wie sie ab Mitte Mai auf den Feldern "eingetreten" wird.

Krautmeister Hubert Nickels zeigt eine Kohlpflanze, wie sie ab Mitte Mai auf den Feldern “eingetreten” wird. © TA.SH

In der Krautwerkstatt erläutert Hubert Nickels die Geschichte des Kohlosseums und den Weg von der Kohlsaat bis zum fertigen Produkt Sauerkraut. Beeindruckend sind dazu die „harten Fakten“: Von den rund 80 Millionen geernteten Kohlköpfen werden zwei Drittel industriell zu Sauerkraut, Rouladen und Salaten verarbeitet. Ein Drittel landet im Handel, wo Sie und ich den Kohl frisch kaufen können. Vom Wesselburener Sauerkraut kommen jährlich 100.000 Gläser auf den Markt. Nur rund fünf Prozent der hiesigen Kohlproduktion bleiben in Schleswig-Holstein.

Von der Zuckerrübe zum Sauerkraut

Mehr über die Geschichte des Hackfrüchteanbaus und über das Leben der Bauern erfahre ich im 2. Stock des Gebäudes: im Kohlmuseum. Zu sehen sind historische Gerätschaften aus dem 19. Jahrhundert, aber auch eine Kohlschneidestraße, wie sie bis 1984 in Marne in Betrieb war. Der Kohlanbau geht auf Gärtnermeister Eduard Lass und das Jahr 1892 zurück. Durch Versuchspflanzungen fand er heraus, dass das milde Nordseeklima und die fruchtbaren Marschböden ideal für den Kohlanbau sind. Der Anbau von Kohl war bereits damals ertragreich und wesentlich lukrativer als der vorherige Zuckerrüben-Anbau. Seither entwickelte sich Dithmarschen zur „Kohlkammer Deutschlands“.

Ungewöhnlich ist der flachrunde Kopf des Jaroma-Kohls.

Ungewöhnlich ist der flachrunde Kopf des Jaroma-Kohls. © TA.SH

Dezenter und feiner im Geschmack als Weißkohl: Spitzkohl.

Dezenter und feiner im Geschmack als Weißkohl: Spitzkohl. © TA.SH

Frisch vom Feld auf den Bauernmarkt: der Rosenkohl am Strunk.

Frisch vom Feld auf den Bauernmarkt: der Rosenkohl am Strunk. © TA.SH

 

 

 

 

 

 

 

Weißkohl. Rotkohl. Grünkohl. Kohlrabi. Wirsing. Rosenkohl. Chinakohl. Blumenkohl. Brokkoli. Flower Sprout. So vielfältig wie die angebauten Kohlarten sind die Kohlprodukte im Bauernmarkt des Kohlosseums: vom Kohl-Shampoo über Weißkohlmarmelade und -Fruchtaufstrich bis hin zu Kohl-Bonbons und Kohl-Brand.

Kohl, das Allheilmittel

Kräuter, Shampoo und Salbe: Weißkohl ist vielseitig verwendbar. © TA.SH

Auch die Heilsalbe Wekohsal wurde hier entwickelt: Sie regeneriert die Haut und hilft bei Hautleiden. Dass sie dezent nach Kohl duftet, liegt in der Natur der Sache. „Die Salbe ist unser Verkaufsschlager“, erzählt mir Hubert Nickels stolz. Und: Dass Kohl nur als Rohgemüse seine Heilwirkung entfaltet. Gekocht gingen zu viele Nährstoffe und Vitamine verloren. Kohl stärkt beispielsweise das Immunsystem.

Ob die uralte Weisheit „Gott schuf den Winter – und den Kohl als Mittel dagegen!” aus Dithmarschen stammt? Im Winter isst man an der Nordsee gerne Grünkohl, auch, weil er so wunderbar wärmt nach einem Strandspaziergang. So gibt es kein Biikebrennen ohne anschließendes Grünkohlessen!

Ein Sauerkrauttopf für Zuhause, angefertigt von der Stiftung Mensch in Meldorf.

Ein Sauerkrauttopf für Zuhause, angefertigt von der Stiftung Mensch in Meldorf. © TA.SH

Auf die Frage, welches sein Lieblingsgericht sei, antwortet Krautmeister Nickels schwärmerisch „Sauerkrautsalat mit süßer Sahne und dazu Zanderfilet“. Selbstverständlich steht es im Restaurant des Kohlosseums auf der Speisekarte – zu verlockend! Doch ich bin noch gesättigt von der Grillwurst. Im Bauernmarkt nasche ich im Vorbeigehen daher nur ein Stück Brot mit Marmelade aus Apfel und Spitzem Rotkohl. Ich bin einfach neugierig auf den Geschmack.

Mit einem „gut Kraut“ verabschiedet mich Hubert Nickels. „Und kiek mol wieder in.“ Ganz bestimmt! Vielen Dank für einen informativen wie unterhaltsamen Nachmittag im Kohlosseum. Ab jetzt werde ich Kohl viel bewusster und vor allem: nicht mehr aus der Dose essen. Für zuhause nehme ich mir mehrere Gläser Sauerkraut und als Mitbringsel Kohlbonbons mit.

 

Lust auf eine Kohltour?

Beeindruckend: Riesige Kohlfelder - und -köpfe - prägen die Dithmarscher Marschlandschaft.

Beeindruckend: Riesige Kohlfelder – und -köpfe – prägen die Dithmarscher Marschlandschaft. © TA.SH

Die Dithmarscher Kohltage finden in jedem Jahr Mitte September statt; der Kohlanschnitt jährlich wechselnd auf verschiedenen Höfen. Das Rahmenprogramm reicht von kulinarischen Stadtführungen über Kohlbingo bis zum „KOHLosseum-Kohl-Walk“: Rund zwei Stunden geht es für Interessierte entlang der Kohlfelder von Büsum nach Wesselburen. Kohlsuppe inklusive.

Das Kohlosseum ist ganzjährig geöffnet. Die Vorführungen in der Krautwerkstatt finden für Einzelbesucher dienstags, mittwochs und donnerstags um 14, 15 und 16 Uhr statt. Die Kosten liegen bei zwei Euro pro Person. Inklusive Probierteller. Weitere Termine für Gruppen auf Anfrage. Alle Produkte sind im Online-Shop erhältlich.

Kohl gehört in Dithmarschen zur regionalen Küche dazu – daher finden Sie das ganze Jahr „kohlinarische“ Köstlichkeiten in den Restaurants und Gaststätten der Region.

Sie haben nun Appetit auf Kohl? Dann probieren Sie doch die Dithmarscher Kohlroulade. Viel Spaß beim Nachkochen und „gut Kraut“!

 

 

 

 

 

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