Kiel: Als Tourist in der eigenen Stadt

besucht die Museen am Meer

Na, habt ihr’s schon mal gewagt? Dieses Experiment, bei dem man nachher mit neuen Erkenntnissen dasteht, von denen man vorher nie gehört hat? Heute lasse ich mich mal auf den Versuch ein – ich bin Tourist in meiner Heimatstadt Kiel.

Schifffahrtsmuseum Kiel. © Christoph Karrasch

Schifffahrtsmuseum Kiel. © Christoph Karrasch

Der Tag beginnt nicht zu früh, ich bin heute schließlich Urlauber. Gegen halb zehn steige ich aus dem Bus am Schlossgarten. Der Himmel verspricht einen schönen Tag. Die Morgenluft ist frisch und noch ein bisschen diesig, dabei wirft die steigende Sonne einen fahlen, orangefarbenen Schein auf das Wasser. Gerade ist die Color Line aus Oslo in der Förde angekommen und schiebt sich zwischen der Silhouette der Werftkräne und dem Ostseekai-Terminal in die Stadt hinein.

Bis hierhin keine Überraschungen, über Szenen dieser Art habe ich schon tausendmal gestaunt. Was für Pötte in unsere schmale Förde passen… ist doch Wahnsinn! Auch das Planschen der Seehunde ist ein bekanntes Geräusch. Kielius, Sally, Krümel und Luna aus dem Kieler Aquarium werden gerade gefüttert, als ich an der Kiellinie entlang spaziere. Das Wasser spritzt gewaltig. „Es gibt bei den Fütterungen durchaus träge Tage“, erzählt die Tierpflegerin Nicole Fischer. „Aber heute sind alle vier gut drauf.“ Die Seehunde gibt es übrigens schon seit 1972 in Kiel – sie werden zweimal täglich öffentlich gefüttert.

Museen am Meer – Acht Häuser, acht Themen

Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung mit einer alten Apotheke von 1894. © Christoph Karrasch

Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung mit einer alten Apotheke von 1894. © Christoph Karrasch

Das Aquarium ist eines von acht Häusern, die sich zu den Museen am Meer zusammengeschlossen haben. Und da geht es schon los: Von diesem Museumsverbund habe ich zuvor noch nie gehört. Viel schlimmer noch: Ich hatte ja keine Ahnung, wie vielfältig die Kieler Museumslandschaft ist. In dem Prospekt zu den Museen am Meer, den ich im Aquarium mitnehme, ist von Walskeletten und einer historischen Apotheke, von einer weltweit einmaligen Antikenstatue und restaurierten Museumsschiffen die Rede.

Foto oder Gemälde? „Les Saintes Maries-de-la-Mer" von Franz Gertsch in der Kunsthalle zu Kiel. © Christoph Karrasch

Foto oder Gemälde? „Les Saintes Maries-de-la-Mer” von Franz Gertsch in der Kunsthalle zu Kiel. © Christoph Karrasch

Na klar, an dem beeindruckend riesigen Gebäude der Kunsthalle bin ich schon unzählige Male vorbeigefahren – aber ich wusste nichts von dem überlebensgroßen Gemälde dreier Mädchen am Strand des Schweizer Malers Franz Gertsch, das wie ein Foto aussieht, geschweige denn von der üppigen Gemäldesammlung russischer Wandermaler aus dem 19. Jahrhundert.

Nun, rede ich mir die Lage schön, man kann sich ja nun auch nicht für alles interessieren. Aber dass es in Kiels Zoologischem Museum Deutschlands artenreichste Walausstellung gibt oder in der Antikensammlung die weltweit einzige vollständig rekonstruierte Mädchenstatue von der Athener Akropolis – na ja, das hätte man ja doch wenigstens mal gehört haben können, oder? Und schon haben wir ihn: den Erkenntnisgewinn!

Stadtmuseum Warleberger Hof. © Christoph Karrasch

Stadtmuseum Warleberger Hof. © Christoph Karrasch

Besonders beeindruckt bin ich vom Stadtmuseum Warleberger Hof in der Dänischen Straße. Dazu muss man erklären, dass wir in Kiel ja leider keine richtige Altstadt haben – der Krieg, ihr wisst schon. Die Dänische Straße ist da so etwas wie unser kleines Vorzeigesträßchen, eine 150 Meter lange Fußgängerzone, die zu zeigen vermag, wie es im alten Kiel mal ausgesehen haben muss. Das Kellergeschoss des denkmalgeschützten Warleberger Hofs, Kiels ältestem Adelshaus von 1616, widmet sich der Stadtgeschichte und zeigt anhand von Landschaftsmodellen und digitalisierten Schwarzweißfotos, wie es in meiner Stadt früher war: hölzerne Handelsschiffe und geschäftiges Treiben am Fördeufer, der riesige, offene Marktplatz an der Nikolaikirche, die alte Straßenbahn, die einst über das Kopfsteinpflaster ratterte. Hier könnte ich ewig bleiben und mich in die Bilder und Geschichten der alten Zeit hineindenken.

Warum liegen hier Orangen rum? Stadtgalerie Kiel. © Christoph Karrasch

Warum liegen hier Orangen rum? Stadtgalerie Kiel. © Christoph Karrasch

Aber ich muss weiter, es fehlt noch ein Haus – eines, das ich schon unheimlich oft betreten habe. Aber eben als Einheimischer, nicht als Tourist. Die Rede ist vom alten Postgebäude an der Andreas-Gayk-Straße. Ich gehe hier regelmäßig in die Stadtbücherei im ersten Stock, um mir Bücher auszuleihen, oder setze mich am Laptop arbeitend ins Statt-Café im vorderen Teil des Gebäudes. Aber bis nach ganz hinten, dorthin wo sich moderne Kunst präsentiert, habe ich es bisher noch nicht geschafft. Die Stadtgalerie ist das Finale Grande meines Touristentages in Kiel. Ich gebe zu: Ich verstehe nicht alles, was mir die zeitgenössischen Künstler mit ihren Werken sagen wollen. Aber darum geht es zum Glück auch gar nicht.

Tiefseeungeheuer: Ein Riesenkalmar im Zoologischen Museum. © Christoph Karrasch

Tiefseeungeheuer: Ein Riesenkalmar im Zoologischen Museum. © Christoph Karrasch

Es geht darum, sich mal auf was Neues eingelassen zu haben, und die Erkenntnis, dass man sich in seiner Heimatstadt noch so gut auskennen kann – irgendwo schlummert immer noch Unentdecktes. Und das ist wunderbar.

Meinen Tag in Kiel habe ich auch auf Video festgehalten. Film ab!

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben