Knirpsmäuse, Foxi und der Segeberger Höhlenkäfer

In der Welt der Fledermäuse mit und

„Foxi ist die neurotischte Fledermaus Norddeutschlands“, erklärt uns Fledermausexperte Florian Gloza-Rausch grinsend. Die indische Flughunddame ist die prominenteste Bewohnerin der Noctalis-Fledermauswelt in Bad Segeberg. Handzahm und richtig anhänglich. Sie mag auch Erdbeeren. An ihre Liebesbekundungen mit den Krallen muss ich mich erst noch gewöhnen.

Foxi mag Fütterungen mit Mango und Erdbeeren

Foxi mag Fütterungen mit Mango und Erdbeeren. © TA.SH

Heute bin ich mit meiner Kollegin und unserer Museumsexpertin Lena Wulf unterwegs im grünen Binnenland, nur 40 Minuten von der Ostsee entfernt. Der Chefbiologe mit Fachrichtung Fledermäuse (was es nicht alles gibt, mutige Studienentscheidung, Hut ab!),  und seine Geschäftsführer-Kollegin Dr. Anne Ipsen, natürlich auch Biologin, sind Foxis Familie, zu der fast jeder gehört, der sie mit ihrer Lieblingsspeise Mangos füttert. Immer mal wieder macht Foxi einen Ausflug zu den Gästen und kann ganz aus der Nähe bestaunt werden.

Foxi, die indische Flughunddame von Noctalis

Foxi, die indische Flughunddame von Noctalis. © TA.SH

„25.000 Fledermäuse leben hier im Winter, mehr als Bad Segeberg Einwohner hat: vor allem Wasser- und Fransenfledermäuse“, erklärt uns der Batman-Fachmann. Das Noctalis ist das einzige Zentrum direkt an der natürlichen Höhlen-Heimat der Fledermäuse. Apropos Höhle. Gleich können wir uns abkühlen, bei für Schleswig-Holstein tropischen Temperaturen von 30°C kocht uns Nordlichtern ja fast das Blut in den Adern. Im Kalkberger Höhlensystem kühlen wir unser Gemüt bei frischen 9°C. Ein Top-Tipp bei heißem Sommerwetter!

Hautnah erleben konnten wir die Flughunddame

Hautnah erleben konnten wir die Flughunddame. © TA.SH

Mr. Sympathisch Gloza-Rausch ist ein echter Geschichtenerzähler und unterhält uns grandios mit seinem Fledermaus-Fachwissen. Also einfach herkommen und glücklich sein. In China gelten Fledermäuse übrigens als Glücksbringer. Die mit den Ohren sehenden Nachtschwärmer kommen im August so richtig in Wallung: Das große Schwärmen. Das sollte man auf keinen Fall verpassen! Im Noctalis machen wir uns mit Taschenlampen auf in die Ausstellung „Fressen und gefressen werden“. Besonders angetan haben es mir die Wandelnden Blätter, eine Schreckenart, die ihren blattartigen Körper als Laub tarnt und die Knirpsmäuse, die nur fünf Zentimeter groß und damit die kleinsten Nager der Welt sind. Die Führung, die vor dem Schaufenster des Vivariums endet, ist ein echtes Erlebnis! Darin flattern unaufhörlich etwa hundert tropische Brillenblattnasenfledermäuse wild durch die Dunkelheit und bedienen sich an Bananen und Gurken. Und auch Foxi sehen wir im Getummel wieder – ganz entspannt hängend und wohl noch satt von den Erdbeeren.

"Starfotograf" Dirk Gosch in der Noctalis-Welt

“Starfotograf” Dirk Gosch in der Noctalis-Welt. © TA.SH

Wir ziehen eine Fleecejacke über das Sommerkleidchen, bekommen einen Helm und eine LED-Taschenlampe in die Hand gedrückt und steigen in die Tiefe, vorbei am Entdeckerloch, wo Kinder 1913 das Höhlensystem aufgespürt haben. Der Kalkberg war einst Sitz der imposanten Siegesburg. Jahrhunderte lang wurde er abgebaut und ausgebeutet bis nur noch zehn Prozent der damaligen Größe übrig waren. So sehen wir ihn heute. Immer noch ist er Schleswig-Holsteins einziger Berg, der den Namen auch verdient. Felsen gehören halt einfach dazu, sorry Bungsberg. Dr. Ipsen öffnet die Tür und ein kalter Hauch begrüßt uns in der Unterwelt. Nur wenige Minuten von der warmen Sonne entfernt. „Fledermäuse sind die Sonne der Höhle, sie bringen die Energie von außen hinein“, nimmt Gloza-Rausch den Faden wieder auf. Hier ist die Heimat der Segeberger Höhlenkäfer, eine endemische Art, heißt, dass diese Tierchen nur hier im Kalkberg vorkommen.

Auf der Suche nach dem Segeberger Höhlenkäfer

Auf der Suche nach dem Segeberger Höhlenkäfer. © TA.SH

Der Endemit ist mit fünf Millimeter leider so miniklein, dass man ihn nicht wie die possierliche Foxi sofort ins Herz schließt. Doch die Augen des Höhlenforschers leuchten. „Die bizarre Höhlenwelt ist ein eigenes Ökosystem“, führt er aus und macht sich mit seiner Taschenlampe auf die Suche nach dem Winzling, der sich von den Überresten der Fledermäuse ernährt.

Wie haben sich denn die Höhlenforscher vor einem Jahrhundert eigentlich in den Höhlen bewegt, Lena weißt Du das? Dr. Ipsen erklärt und zeigt uns, dass damals noch Kerzen den Höhlenentdeckern Licht gespendet haben. Heute haben wir Taschenlampen, die uns den Weg zeigen. Für die Entdecker muss das ein unglaubliches Abenteuer gewesen sein! Und das ist es auch heute noch.

Dr. Anne Ipsen vom Noctalis im Kalkberger Höhlensystem

Dr. Anne Ipsen vom Noctalis im Kalkberger Höhlensystem. © TA.SH

Wir bestaunen gerade die bizarren Formationen, die das  stehende Wasser hier hinterlassen hat, als es hinter uns klopft: unsere Expeditionsleiterin sucht die Gipswände nach gesunden Stellen ab. „Wenn es wie Musik klingt, dann ist alles gut.“, erklärt sie. Das Geräusch eines gesprungenen Tellers hingegen weise auf Risse hin. Und tatsächlich, sie findet eine Stelle, die ganz harmonisch klingt. Wie Musik eben! Über die Segeberger Jungmühle, eine steile Wendetreppe, klettern wir wieder ans Tageslicht. Der Legende nach, wird man bei  jedem Aufstieg ein Jahr jünger. Langsam kommen wir wieder oben an und spüren schnell die sommerlichen Temperaturen. Vom Kalkberg hören wir den lauten Knall, der die Karl-May-Abendvorstellung einläutet. Als würde Winnetou uns an der Erdoberfläche begrüßen, oder Andrea?

Klönschnack am Kiosk vor dem Noctalis

Klönschnack am Kiosk vor dem Noctalis. © TA.SH

Ja, diese Begegnungen machen meinen Job zum Glückstreffer. Wer kann schon an einem Tag einen Fledermausforscher kennenlernen und mit Winnetou posen, oder? Ich komme wieder, zum Klönen am Kiosk vor dem Noctalis. Hier sitzt man entspannt wie am Lagerfeuer im Wilden Westen, der ja gleich um die Ecke ist und schmiedet Pläne für ein Wiedersehen. Tipp: Alle guten Dinge sind drei: Die Nachtwanderung zu den wilden Fledermäusen. Man darf sie sogar mit Mehlwürmern füttern. Unterwegs mit dem Tierpfleger das klingt auch spannend (die nächsten Termine hierfür und auch die Historische Höhlenführung erfahren Sie direkt bei den Fledermaus-Experten).  Genau wie die Fledermausrouten durch die Stadt.

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