Mit der Rikscha durch Lübeck

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„Sind Sie sich sicher, dass Sie das tun wollen?“, wurde Hans-Heinrich Mangels während des Genehmigungsverfahrens mehrfach von offizieller Stelle gefragt. Immerhin ging der Mann mit Schiebermütze und geringeltem Backenbart bereits stramm auf die 60 zu, als er eine „Ausnahmegenehmigung für Personenbeförderung“ beantragte. Mit seinem Alter verstand man auf dem Amt nicht so wirklich seine Pläne, Lübecks erster Rikscha-Stadtführer zu werden.

Mit Mangels vor dem Holstentor

Mein Rikschafahrer Hans-Heinrich Mangels und ich in unserem besonderen Gefährt vor dem Holstentor © Christoph Karrasch

Das ist jetzt sieben Jahre her, Hans-Heinrich ist inzwischen flotte 66 Jahre alt (womit ja bekanntlich alles erst so richtig anfängt) und noch immer der einzige, der mit seiner Fahrradrikscha durch die Hansestadt cruist.

„Ich gebe zu, dass die Farbe meines Gefährts, das Ferrarirot, ein wenig irreführend ist“, scherzt er. Das stimmt: Die Geschwindigkeit, mit der er sich durch die Gassen der Altstadt bewegt, liegt bei gerade mal 10 km/h. Dafür aber könnte eine Stadtführung gemütlicher nicht sein.

Große Petersgrube © Christoph Karrasch

Große Petersgrube © Christoph Karrasch

 

 

Unterwegs mit der Strandkorb-Rikscha in Knallpink

Eigentlich kommt Hans-Heinrich Mangels aus dem Bauwesen, er hat Architektur studiert. Deshalb geht es bei seinen Führungen inhaltlich stark um das Erscheinungsbild Lübecks. In der Großen Petersgrube am Ufer der Obertrave zum Beispiel macht er mich auf eine alte Häuserreihe aufmerksam, die verschiedenste Baustile und Epochen aneinanderreiht: „Hier steht Klassizisimus neben Barock, Renaissance und ein wenig Rokkoko neben Gotik, das ist ziemlich besonders.“

In den Gassen der Altstadt © Christoph Karrasch

Unterwegs in den Gassen der Altstadt © Christoph Karrasch

Und noch etwas ist besonders an unserer heutigen Stadtführung. Ich habe nämlich ein spezielles Gefährt mitgebracht: die original „Glückswachstumsgebiet“-Strandkorbrikscha der Tourismusagentur Schleswig-Holstein. Ein absoluter Hingucker in Knallpink!

Wir fahren durch die bekannte Hüxstraße, in der vor allem inhabergeführte Lädchen stehen, um Feinkost und Wein, Schneiderhandwerk und Dessous zu verkaufen – und ich höre die Fußgänger am Straßenrand tuscheln. Einige winken uns zu, Kinder johlen hinterher, ob sie auch mal fahren dürfen. „Daran habe ich mich inzwischen gewöhnt“, sagt Hans-Heinrich.

Vor allem ältere Damen hätten es auf seine Rikscha abgesehen. „Sobald ich mein Fahrzeug aus den Augen lasse, kommen sie, gucken, ob keiner guckt und setzen sich für ein schnelles Erinnerungsfoto drauf.“ Und was sagt er, wenn er die Damen erwischt? „Na, Sie haben sich Ihren jugendlichen Übermut offenbar gut erhalten!“

Typisches Ganghaus © Christoph Karrasch

Eines von Lübecks zahlreichen typischen Ganghäusern © Christoph Karrasch

Lübeck, heimliche Hauptstadt der Hansestädte

Hans-Heinrich Mangels erzählt auf seinen Touren gerne davon, dass kaum jemand um die frühere Bedeutung Lübecks als Hansestadt weiß. „Die meisten denken ja zuerst an Hamburg oder Bremen“, sagt er. „Dabei war Lübeck vor Jahrhunderten die heimliche Hauptstadt der Hansestädte.

Sämtliche Handelswege aus dem Baltikum oder nach Skandinavien entwickelten sich über Lübeck, das brachte enormen Reichtum in die Stadt.“

GWG immer im Nacken © Christoph Karrasch

Das Glückswachstumsgebiet immer im Nacken © Christoph Karrasch

Und: Den größten Bevölkerungsanteil stellten früher Handwerker, die Leute also, die die eingeschifften Rohstoffe verarbeiteten und so noch wertvoller machten: Goldschmiede, Weber, Altarschnitzer…

Es ist für mich total spannend zu sehen, wie eine Altstadt aussehen kann, die im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont wurde – so was kenne ich als Kieler ja nicht. Aber auch Lübeck hatte zu kämpfen, erzählt Hans-Heinrich: „Die Briten hatten es 1942 auf unsere berühmten sieben Türme abgesehen. Drei davon haben sie auch erwischt, doch die konnten glücklicherweise wieder aufgebaut werden.“

 

Hübsche Altstadt © Christoph Karrasch

Hübsche Altstadt © Christoph Karrasch

Es ist übrigens gar nicht so einfach, der einzige Rikschafahrer in Lübeck zu sein. „Meine Kutsche stammt aus China. Was die Ersatzteile angeht, bin ich hier oben ganz schön aufgeschmissen“, erzählt Hans-Heinrich. „In Berlin haben sie’s einfacher, da gibt’s über 100 Rikschafahrer.“ Aber er habe inzwischen Kontakt mit den Kollegen aus der Hauptstadt und bekomme seine Ersatzteile über sie. Rikschafahrer helfen sich untereinander, ist doch Ehrensache. Hans-Heinrich Mangels ist bekannt wie ein bunter Hund – oder sagt man in Lübeck eher bunte Kuh?! Na, jedenfalls wird er an jeder zweiten Ecke gegrüßt und angesprochen. Er verteilt Visitenkarten  und nimmt sich immer Zeit für einen Schnack am Wegesrand
(Tel.: 0170 – 214 22 77, Mail: MangelsHHM@web.de).

Ich merke, wie auch seine Passagiere zur Attraktion werden. „Und? Wie isses?“, fragt mich eine ältere Dame im Vorbeigehen. „Sieht ja ziemlich gemütlich aus in Ihrem Strandkorb.“ Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Ja, gemütlicher könnte eine Stadtführung nicht sein.

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