Unterwegs im Kapitänsviertel von Flensburg

erkundet die Geschichte der östlichen Altstadt

Mh. Das duftet! Nicht nur, dass dieses historische Häuschen einen zauberhaft wohnlichen Charme ausstrahlt. Auch der rot blühende, intensiv duftende Rosenbusch am Treppenaufgang wirkt anheimelnd, so dass ich hier am liebsten einziehen möchte! Auf der zum Haus gehörigen Infotafel der „Flensburger Kulturpunkte“ erfahre ich, dass das hübsche Heim bereits um 1780 von einem Kapitän erbaut wurde. Das hätte ich nicht gedacht!

Bereits ab dem 16. Jahrhundert errichteten auf dem Gebiet östlich der Flensburger Förde Seeleute – Kapitäne, Steuermänner, Schiffbauer und Fischer – ein eigenes Viertel. Erst 1874 wurde der neue Stadtteil – Jürgensby – eingemeindet. Bis dahin zählte die Ostseite des Hafens nicht zum Flensburger Stadtgebiet. Sie lag außerhalb der Stadtmauer und gehörte dem Kloster, das politisch selbständig war.

Ein Treppenviertel in Flensburg?

In diesem östlichen Teil der Fördestadt Flensburg bin ich mit Thomas Frahm, stellvertretender Leiter des städtischen Kulturbüros, und Architekt Jürgen Raddatz unterwegs. Beide möchten mir die unbekannte Seite von Flensburg zeigen, die Touristen kaum kennen. „Dabei hat auch Flensburg ein Treppenviertel“, erzählt Thomas Frahm mit einem Augenzwinkern. Wir erkunden das Blankenese von Flensburg? Ich bin doppelt neugierig, denn auch ich kenne bislang nur die „bekannte Seite“ der Förde, sprich, die „Shoppingmeile“ samt Museumsberg und umliegenden Sehenswürdigkeiten.

Die Flensburger Hafenspitze liegt rund 35 Kilometer von der Ostsee entfernt. © TA.SH

Unsere Entdeckungstour durch das „historische Flensburger Seemannsviertel“ startet an der Nikolaikirche in Richtung Hafen. In der Nähe des Museumshafens steuern wir zielstrebig eine weithin sichtbare Schautafel an: Sie informiert über die Hafenspitze, die rund 35 Kilometer von der offenen Ostsee entfernt liegt. Wussten Sie, dass die Flensburger Förde seit fast 800 Jahren als Naturhafen genutzt wird?

Die Tafel, auf der ich das lese, markiert Station Nummer 5 des „Kapitänweges“. Dieser beschilderte Rundgang folgt einem Kapitän durch den Flensburger Hafen nach Anlegen seines Schiffes. Der Schiffoberste hatte einst verschiedene Aufgaben zu erledigen: Dazu gehörten Ware verzollen und löschen (entladen), Schiffsreparaturen beauftragen, Proviant und neue Waren ordern sowie bei Bedarf neue Matrosen anheuern. Da im Flensburger Hafen alles dicht beieinander lag, konnte der Kapitän alles Wichtige auf einem Rundgang erledigen.

Auf den Spuren eines Kapitäns durch Flensburg

Am Flensburger Fischereihafen lerne ich, wie man einen Schotstek macht.

Am Flensburger Fischereihafen lerne ich, wie man einen Schotstek macht. © TA.SH

Wir folgen dem Kapitänsweg direkt ins „Kapitänsviertel“, und damit in die östliche Altstadt. Vorbei geht’s am kleinen Fischereihafen, wo sonntags die Fischer frisch geräucherten Fisch verkaufen. Am Fuße der Pilkentafel, einem kleinen Straßenzug, zeigt mir Jürgen Raddatz, wie nah die Häuser einst am Wasser gebaut waren. Dort, wo wir stehen – verlief das Ufer, an dem man einst direkt mit den Booten anlegte.

Direkt am Wasser lag auch die „Pilkentafel“, das damals populäre Seefahrer-Wirtshaus. Heute erinnern noch der Gang und die Theaterwerkstatt Pilkentafel in der alten Schlossereiwerkstatt an die beliebte Gaststätte. Die Theaterwerkstatt sehen wir uns näher an: Sie ist eins von acht freien Theatern des Landes. Von meinen Begleitern und Thorsten Schütte, Leiter der Theaterwerkstatt, erfahre ich mehr zur Geschichte und den Stücken. Letztere verfassen und inszenieren sie mit einem kleinen Team. Sehr erfolgreich: Das Stück „Waschtag“ war nach eigenen Angaben 1994 „eines der meistgespielten Kinderstücke Deutschlands.“

Gänge, Gassen und Rosen

Weiter geht’s. Wir nähern uns dem Flensburger Blankenese. Wie im Hamburger Schwesterviertel geht’s bergauf! Nur wenige Meter weiter spazieren wir durch schmale Gassen und Gänge, bestaunen kleine Gärten und blühende, duftende Rosenbüsche. Dass Flensburg nicht auch den Beinahmen Rosenstadt trägt, wundert mich, so viele Rosen wie hier die Straßen zieren.

Mittendrin im Flensburger Gängeviertel.

Mittendrin im Flensburger Gängeviertel. © TA.SH

Und dass nur ein paar Minuten Fußweg entfernt, im 18. und 19. Jahrhundert Industrieanlagen errichtet wurden, ist heute schwer vorstellbar: 1762 gab es am heutigen Margarethenplatz zunächst eine Zuckersiederei. Hier wurde Melasse aus den westindischen Kolonien verarbeitet. Ab 1842 entstand auf dem Gelände eine Eisengießerei. Einer der letzten Zeugen dieser Zeit ist der „Margarethenhof“ – die Fabrikantenvilla von 1882. (An der Villa kreuzen sich übrigens der Kapitänsweg und die „Rum & Zucker“-Tour!)

Architekturgeschichten

Schön anzusehen: ein historischer Straßenzug im ehemaligen Flensburger Seemannsviertel.

Schön anzusehen: ein historischer Straßenzug im ehemaligen Flensburger Seemannsviertel. © TA.SH

Die Gebäude um den Margarethenplatz herum wurden zwischen 1995 und 2003 errichtet. Die Fabrikanlagen selbst wurden erst in den 1970er Jahren abgerissen. Entlang der Gassen und Gänge wechseln sich zeitgenössische Gebäude ab mit der historischen Kleinhausbebauung und modernisierten Backsteinhäusern. In St. Johannis kommen Architekturfans voll auf ihre Kosten!

Symbolisieren das Paradies: Die Ranken und Blüten schmücken die Gewölbe der Flensburger Johanniskirche.

Symbolisieren das Paradies: Die Ranken und Blüten schmücken die Gewölbe der Flensburger Johanniskirche. © TA.SH

Krönender Abschluss unseres Rundgangs durch die östliche Altstadt ist der Besuch der Johanniskirche. Die Kirche wurde um 1200 als Schutz- und Trutzburg für die Fischer errichtet. Berühmt ist sie für die sehr gut erhaltene Deckenmalerei: Ein Paradiesgarten mit einem Rankenwerk aus Akanthus und stilisierten Blüten ziert das Gewölbe in Altar- und Kirchenraum. Die Kirche ist übrigens älter als die Stadt Flensburg selbst.

Ich bin begeistert von so viel spannender Geschichte rund um das „Kapitänsviertel“. Zurück im Museumshafen lassen wir bei einem Bier und Fischbrötchen an Bens Fischbude den Rundgang und seine Stationen noch einmal Revue passieren.

Tipps für Ihre Entdeckungstour

Die schmucke Dreigiebelfront erhielt der "Margarethenhof" mit seinem Umbau ab 1882.

Die schmucke Dreigiebelfront erhielt der “Margarethenhof” mit seinem Umbau ab 1882. © TA.SH

Wenn Sie selbst Lust haben, das Flensburger Seemannsviertel zu erkunden, folgen Sie einfach den Stationen des Kapitänsweges – Start- und Endpunkt ist das Flensburger Schifffahrtmuseum. Die Johanniskirche ist für Besucher geöffnet am Montag und Donnerstag von 13 bis 15 Uhr sowie am Dienstag, Mittwoch und Freitag von 10 bis 12 Uhr. Bitte melden Sie sich im Kirchenbüro an (Tel. 0461-12 77 1).

Oder Sie begleiten einen kundigen Gästeführer auf den Spuren der alten Seebären durch die östliche Altstadt. Infos und Onlinetickets finden Sie hier.

Ahoi!

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