Wale, Wintergeist und Wattenmeer

Die Lange Nacht der Biike mit in Tönning

Warm eingepackt fahren wir mit dem Auto auf Landstraßen von Kiel in Richtung Nordsee. Ich merke, wie das Land um uns herum immer platter und die Orte, durch die wir fahren, immer kleiner werden. Am Straßenrand pickt ein Huhn nach Körnern. Die Landschaft um uns herum strahlt natürliche Ruhe aus. In einigen Stunden wird die dunkle Weite von vielen kleinen Feuern erleuchtet werden, denke ich und erinnere mich an den Grund dieses schönen Ausflugs.

Das Multimar Wattfroum thront auf dem Deich von Tönning

Das Multimar Wattfroum thront auf dem Deich von Tönning. © TA.SH

Seit einem halben Jahr mache ich ein Praktikum bei der TA.SH. In meinem ersten Blogeintrag berichte ich von dem nordfriesischen Brauch „Biikebrennen“. Diese Tradition findet alljährlich am 21. Februar, dem Vorabend des Sankt Petri-Tages, entlang der Nordseeküste in
Schleswig-Holstein statt. Meine Kollegin Fenja und ich möchten es nicht
verpassen!

Unser Ziel ist Tönning, ein Bade- und Luft-Kurort mit 5.000 Einwohnern im Kreis Nordfriesland, genauer gesagt das Multimar Wattforum
in Tönning
. Hier findet heute anlässlich des nordfriesischen Brauchs die „Lange Nacht der Biike“ statt, eine Mischung aus interessanter Ausstellung und Jahrhundertealter Tradition. Der moderne Bau liegt malerisch
auf dem Deich. Schafe grasen auf den Wiesen und die Nordsee im
Hintergrund komplementiert ein wunderschönes Panorama.

Jung und Alt erfreut sich am Lagerfeuer

Jung und Alt erfreut sich am Lagerfeuer. © TA.SH

Neben dem Gebäude sammeln sich bereits Familien. Kinder backen gemeinsam mit ihren Eltern und Großeltern Stockbrot auf dem großen Spielplatz des Museums oder lassen sich von der Feuerwehr die ersten Fackeln anzünden. Nur wenig später macht sich der Fackelzug schon auf den Weg entlang des Deiches vom Multimar Wattforum zur Tönninger Hafenspitze, wo das Biikefeuer entzündet wird. Gemeinsam mit aufgeregten Kindern und klönenden Erwachsenen laufen wir durch die Dämmerung den kurzen Weg zu unserem Ziel.
Nur 500 Meter entfernt vom Museum hat die Stadt einen großen Haufen aus Stroh, alten Weihnachtsbäumen und Holz aufgebaut. Oben drauf steht ein Mann aus Stroh mit einem Hut – wer das wohl sein mag, frage ich mich.

„Das ist der Winter. Den Wintergeist wollen wir verbrennen, damit es bald Frühling wird.“, sagt ein Mann neben mir. Claus kommt aus Tönning und nimmt jedes Jahr am Biikebrennen teil. „Das ist Tradition – und danach gehen wir Grünkohl essen.“, sagt er und die Vorfreude auf die warme Mahlzeit sieht man ihm wirklich an.

Der Fackelzug zur Tönninger Hafenspitze

Der Fackelzug zur Tönninger Hafenspitze. © TA.SH

Zuerst spricht aber die Bürgermeisterin von Tönning, Dorothee Klömmer, noch einige Worte zu der Geschichte der Biike. Der Ursprung der Tradition sei unklar. Bauern haben früher Biikefeuer, auf hochdeutsch „Bake“ oder „Feuerzeichen“ entzündet, um die Wintergeister zu vertreiben und so die neue Saat auf den Feldern zu schützen. Ein anderer Ursprung können die Feuer sein, die auf den nordfriesischen Inseln, Halligen und entlang der Küste für die Seefahrer entfacht worden sind. Am Sankt Petri-Tag, dem 22. Februar, endete die Winterpause und die jährliche Walfangsaison begann. Die Frauen der Walfänger und Seefahrer entzündeten entlang der Strände Feuer, um den fahrenden Männern noch lange sicheres Geleit zu geben.

Dorothee Klömmer geht danach auf die Wichtigkeit der Erhaltung solcher Bräuche ein. Die friesischen Wurzeln, das Gefühl der Heimatverbundenheit und der Zusammengehörigkeit dürften nicht in Vergessenheit geraten. Dass Traditionen, Brauchtum und kulturelles Erbe nur durch Überlieferung und Weitergabe von Generation zu Generation erhalten bliebe. Es sei das Bindeglied zwischen Jung und Alt und zeige auf, wieviel wir voneinander lernen können.

Auch daran, dass das Biikebrennen seit dem 12. Dezember 2014 im nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbe der deutschen UNESCO-Kommission verzeichnet ist, erinnert Sie uns alle und schließt mit den Worten: „Aber wenn ich mir die begeisterten Kinder ansehe, die mich soeben vom Multimar Wattforum hierher begleitet haben und nun darauf warten, das Feuern entfachen zu dürfen, dann mache ich mir um diese schöne Tradition des Biikebrennens keine Sorgen.“

Der Wintergeist auf dem Biikefeuer

Der Wintergeist auf dem Biikefeuer. © TA.SH

Mit diesen Worten ist das Feuer entfacht und schon bald steht der Wintergeist in Rauchschwaden. Ich höre das Knacken von brennendem Holz und sehe, wie die Funken im Rauch tanzen. „Zum Glück ist es heute nicht windig. Letztes Jahr wurde der ganze Rauch in die Stadt geweht und hing da noch tagelang“, sagt eine Frau neben mir. Der aufgebaute Getränkewagen und das kleine Speisezelt neben uns spielen Partyhits der letzten Jahre. Die Menschen drängen sich in Richtung Zelt. Sie freuen sich auf den wärmenden Glühwein, die heiße Schokolade und das deftige Essen.

Wir machen einen kurzen Rundgang durch den Tönninger Hafen, in dem ruhig einige kleinere Boote liegen. Im Mondschein spiegeln sich ihre Konturen auf dem Wasser.

Langsam wird es kalt und wir möchten noch die Ausstellung im Multimar Wattforum entdecken. Das liebevoll aufgearbeitete Museum ist das Informationszentrum des Nationalparks Wattenmeer in Schleswig-Holstein. In der Erlebnisausstellung erhält der Besucher aktiv einmalige Einblicke in das Weltnaturerbe Wattenmeer und die natürliche Vielfalt des Lebensraums Nordseeküste.

Angekommen im Museum steigt uns der Geruch von Grünkohl in die Nase. Das gehört tatsächlich überall in Nordfriesland fest zur Biike dazu. Am Eingang werden wir schon mit einem Lächeln begrüßt. Der Eintritt sei heute frei, wird uns von einer Dame am Empfang mitgeteilt. Bereits von oben hören wir aufgeregte Kinderstimmen, die unter uns spielerisch die Ausstellung erkunden.

Wir gehen die Treppe runter in den ersten Teil der Ausstellung. Kindheitserinnerungen werden wach: Schon als kleines Mädchen gefielen mir an der Ausstellung die zahlreichen Aquarien mit Tieren aus der Nordsee am besten. Aber seitdem hat sich viel getan: Die gesamte Ausstellung lädt zum Mitmachen ein. Überall sind interaktive Schilder, Tafeln und Bildschirme, die uns neugierig machen. Wir wollen so viel wie möglich ausprobieren.

Die interaktive Ausstellung des Multimar Wattforums

Die interaktive Ausstellung des Multimar Wattforums. © TA.SH

Anschließend besuchen wir den zweiten Teil der Ausstellung, das Walhaus. Hier wird über die einzigen heimischen Wale, die Schweinswale, und die riesigen Pottwale informiert, die leider ab und zu im Wattenmeer stranden. Wir lernen viel über Walfang und den Walschutz. Auch über das Aussterben bedrohter Fischarten und nachhaltigen Fischfang werden wir in der interaktiven Ausstellung aufgeklärt.

 

Mein Glücksspot: Das große Aquarium ist perfekt zum Entspannen!

Mein Glücksspot: Das große Aquarium ist perfekt zum Entspannen! © TA.SH

Mein Glücksspot in Tönning ist das riesige Aquarium im Multimar Wattforum. Von einer Tribüne aus kann man durch eine sechs Mal sechs Meter große Glasscheibe die größeren Fische der Nordsee bewundern. Sogar ein Katzenhai ist in dem Aquarium beheimatet! Im Hintergrund läuft eine Sound-CD mit Geräuschen des Ozeans. Hier lässt es sich wunderbar entspannen und ich rufe mir das Erlebte am heutigen Tag nochmal in Erinnerung. Das war wirklich ein lohnender Ausflug, bei dem wir viel von nordfriesischem Brauchtum und ganz nebenbei auch noch viel über unser wunderschönes Wattenmeer gelernt haben!

 

1 Antwort

  1. Am Sonntag, 21. Februar 2016, ist es wieder soweit: Ab 17 Uhr freier Eintritt im Multimar, gegen 17.30 bekommen die Kinder Fackeln und der Zug setzt sich in Bewegung zum Biikeplatz am Tönninger Hafen. Nach der Biike-Rede wird gegen 18.15 Uhr das Biike-Feuer angezündet.
    Letztes Jahr war’s ein tolles Erlebnis mit vielen Einheimischen und vielen Gästen!

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