Watt, Weite, Wohlsein

am Nordstrand und auf der Hallig Südfall

Es ist zehn Uhr abends. Ich spüre das Salz auf meiner Haut und ich löffle fruchtig-frisches Frieseneis, hergestellt aus der Milch der Inselkühe von Nordstrand. Die Ähren auf dem Feld vor meinem Fenster wiegen sich im sanften Abendsonnenschein hin und her. Hätte ich vor zwölf Stunden gedacht, dass der Tag so enden würde? Eher nein.

Norwegische Fjordpferde im nordfriesischen Watt

Norwegische Fjordpferde im nordfriesischen Watt © TA.SH

Vor zwölf Stunden zauberte mir der Wind eine neue Frisur. Vor zwölf Stunden atmeten wir Frische und spürten Weite. Und wir fanden es irgendwie ganz schön, dass der Himmel sich noch vor zwölf Stunden hinter gräulichem Wolkenband versteckte. Oh, wie hatte ich mich auf diesen Tag gefreut! Mit der Pferdekutsche durch’s Watt – das wollte ich schon immer mal erleben.

 

Die Kutschafhrt nach Südfall beginnt auf der Halbinsel Nordstrand.

Start der Kutschfahrt nach Südfall: die Halbinsel Nordstrand © TA.SH

Die Hallig Südfall ist unser Ziel. Unsere Kutscherin sitzt auf einem auf den Wagen montierten Bürostuhl, mit den Zügeln in ihrer Hand lenkt sie die zwei norwegischen Fjordpferde sicher hinaus ins Watt. Restwasser spritzt unter den aufschlagenden Hufen empor. Die erste kleine Robbe rutscht unweit von uns über den blanken Meeresboden. Der ist jetzt sichtbar: wir haben Ebbe.

 

IMG_3804

Auf Nordstrand erfunden: der “Pharisäer”, das Nationalgetränk der Friesen © TA.SH

Ebbe und Flut bestimmen den Rhythmus an der Nordseeküste und sie geben den Fahrplan auf die Hallig vor. Unsere Fahrt beginnt heute um neun Uhr. Wir freuen uns auf ein zweites Frühstück auf der Warft, wärmen uns bei frisch gebackenem Streuselkuchen und Pharisäer in der Stube auf. An der Wand die Karte “Alt-Nordstrand um 1634″, drum herum Interessantes zu Deichbau, Küstenschutz und zu den Halligen. Zehn dieser weltweit einzigartigen “Inseln” gibt es im schleswig-holsteinischen Teil des Weltnaturerbes Wattenmeer.

 

Seit 14 Jahren auf Südfall: Halligchefin Gunda

Seit 14 Jahren auf Südfall: die fröhlich-patente Halligchefin Gunda © TA.SH

Gunda ist eine echte “Halligmöw”: geboren auf Nordstrandischmoor, lebt sie heute mit ihrer Familie auf Südfall. Gunda begrüßt uns (im kurzärmeligen Kleid, während wir in drei Schichten eingewickelt von der Kutsche klettern), plaudert über den Alltag auf der nicht eingedeichten Insel und erstaunt sicherlich nicht nur meine Chefin, meinen Marktforschungskollegen Alexander Grams und mich, als sie betont: “Angst haben wir hier nicht.” Gundas bildliche Schilderungen von Sturmflut, Wintertagen und Vorbereitung auf die Kutschengäste gewähren uns einen Einblick in das Halligjahr. Wir verstehen schnell, was es bedeutet, wenn sie sagt: “Man muss hier ein bisschen patent sein.”

 

Tierwelt im Watt

Tierwelt im Watt © TA.SH

Wir lernen, dass Halligen mit dem Meeresspiegel wachsen und dass Landunter für die Hallig weniger Bedrohung ist als vielmehr Instandhaltung. Wir lernen, dass die Vögel auf Südfall besonders alt werden, der Austernfischer zum Beispiel 40 Jahre. Wie gut, dass Gunda Vogelwartin ist!

Mit der Kutsche durch das Watt: ein tolles Erlebnis! © TA.SH

Wir merken schnell: hier gibt es noch viel mehr zu erzählen. Aber das Hupen der Kutscher signalisiert unmissverständlich: wir müssen zurück, die Tide erlaubt keine Plauderei. Tapfer traben unsere Norweger über den befestigten Halligweg hinunter ins Watt, bringen uns zurück an den Strandabschnitt Fuhlehörn.

 

Beseelt lächle ich in mich hinein, wie ich so vor meinem inzwischen leeren Eisbecher sitze: einer meiner Sehnsuchtsträume aus dem Kapitel “kleine Fluchten des Alltags” ist heute wahr geworden.

Watt, Weite, Wohlsein

Watt, Weite, Wohlsein © TA.SH

Ein Erlebnis, das die Äußerlichkeit des strahlend blauen Himmels nicht unbedingt braucht. Ein Erlebnis, das durch seine so besondere Kulisse strahlt, und durch seine Menschen, die hier so herrlich echt sind – wie Gunda, oder auch wie Werner, der Herr über die Kutschfahrten, der uns am Strand erwartet. Er spricht nicht viel, dafür “echtes Platt”. Er schaut nach seinen Pferden, steigt auf sein Moped. Quer über den Deich fährt er davon und auch für uns geht es weiter, zur nächsten Etappe, zum nächsten Erlebnis.

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben