Weltklasseklang in der Tomatenwiege

beim Premierenkonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals
Wunderbare Töne © TA.SH

Ensemble-Urgestein Chuck Daellenbach © TA.SH

18.59 Uhr: Strahlend weiße Hemden flattern am Rande meines Sichtfelds vorbei. Ich blicke hinterher. Das Weiß ist über Bügel gestreift, baumelt an légère gekleideten Männerarmen. Ein mächtiger Koffer poltert hinter ihnen her. Es sind fünf: „Canadian Brass” auf dem Weg zu ihrer Konzertvorbereitung – vorbei an der nüchtern-silberfarbenen Wasserhahnbatterie: „Vor Betreten der Produktionsräume Hände waschen nicht vergessen”. Das Bild brennt sich ein. Ich schmunzle in mich hinein. Ein ungeplanter Blick hinter die Kulisse, eine Stunde vor dem Beginn des Premierenkonzerts in der neuen Spielstätte des Schleswig-Holstein Musik Festivals, im Westhof Bio Gewächshaus. (Im Koffer mag wohl die Tuba sein.)

Im Stoppelfeld des Westhofes © TA.SH

Im Stoppelfeld des Westhofes © TA.SH

Zugegebenermaßen war unsere Vorstellung der Attribute bio (der Hof), ländlich (die Umgebung) und ganz besonders (so die Ankündigung der SHMF-Premiere) eine arg romantische. Bis zum Einparken auf dem Stoppelfeld und unserem ersten Blick auf das Gebäudeensemble des Westhofs in Wöhrden, kurz hinter Heide, mitten in Dithmarschen. Bio ist hier keineswegs klein: 1000 Hektar Freilandflächen, 40.000 Quadratmeter Bio-Gewächshaus (das größte in Deutschland), 1,3 Millionen Kilogramm Tomaten (der Gewächshaushauptertrag neben Gurken, ab nächstem Jahr auch Paprika) pro Jahr. Andrea Gastager und ich staunen, als Hausherr Rainer Carstens von seinem Hof erzählt. Das Bild der Landidylle verschwimmt. Das hier ist professionelle Landwirtschaft, modern und durch und durch nachhaltig: zusammen mit seinem Nachbarn und Miteigentümer Paul Heinrich Dörscher betreibt Carstens das Bio-Gewächshaus energie- und nährstoffneutral. Und mit Geschichte: 1972 erfüllte sich Carstens Vater mit dem Erwerb des Westhofs einen Traum. „Sechs Jahre später, 1978, habe ich den Betrieb übernommen”, erzählt Carstens. Da war er noch nicht einmal mit seiner Ausbildung fertig. Ob er es damals geglaubt hätte, wenn man ihm einen Weltklasse-Konzertabend inmitten seiner Tomatenwiege prophezeit hätte? Es ist inzwischen 19.25 Uhr. „Testing — — — testing”, raunt es durch die abendlichtbeschienene Produktionshalle. Die weißen Hemden von „Canadian Brass” haben vom Kleiderbügel auf die Oberkörper gewechselt. Eine Trompete trödelt durch den Raum. Konzentration am Tonpult.

Die Bio-Tomaten sind der Exportschlager des Westhofes. Über 30.000 Tonnen Gemüse gehen pro Jahr von hier an den deutschen Einzelhandel. © TA.SH

Andrea und ich drücken uns derweil die Nasen platt. Wie kleine Kinder vorm Spielwarengeschäft. Hinter der Scheibe ist aber weder Plüsch noch Holz: wir stehen vor dem Herzstück „unseres” Hofes. Hier wachsen und reifen sie, die Rispen-, Mini-Rispen- und Mini-Roma-Rispentomaten, alles in Bio, versteht sich. „Kommen Sie, ich lasse Sie einmal rein!” Betriebsleiter Jan Kroon hat Erbarmen mit uns. Und da stehen wir, im 250 Meter langen Mittelgang mit seinen 75 Meter langen Seitenarmen. Nicht mehr Spielwarengeschäft, dennoch Kindheitserinnerung: an Mamas Hand durch den Garten stolpernd, die ersten reifen Tomaten ernten – der intensive Geruch im Gewächshaus ruft Bilder in mir hoch. Strahlend stehe ich unter dem Tomatengrün. Zugegeben, es ist ein bisschen größer als das in Mamas Garten. Und hier habe ich nun auch meine Idylle (oder ist das eher Klischee?): Jan Kroon ist gebürtiger Holländer. Und mit echter Leidenschaft dabei. Das merken wir schnell, als er uns mit seinem zauberhaft niederländischen Akzent um den Finger wickelt und uns ein bisschen tiefer in die Tomatenwiege blicken lässt. Toll!

Tomaten auch als Deko © TA.SH

Essbare Konzertdeko: die Westhof-Tomaten, wie sie in den Handel gehen. © TA.SH

Die Zeit vergeht wie im Flug. Es ist 19.51 Uhr. Die 500 Gäste des ausverkauften Konzerts tummeln sich zwischen Stehtischen. Mittendrin: Hausherr Carstens und SHMF-Chef Christian Kuhnt. Gleich geht es los. Bei den Beiden keine Spur von Aufregung. Entspannt-launig stehen sie im Gespräch. Und das bei einer Premiere dieser Art. Chapeau! (Vielleicht liegt es an der Vertrautheit, die durch Carstens’ langjährige Sponsorenhistorie zum Festival entsteht. Oder an der Überzeugung zur neuen Spielstätte, die Carstens im Leuchten in Kuhnts Augen erkannte, als die Beiden das allererste Mal über den Westhof als SHMF-Location sprachen.) 19.59 Uhr: Glockenschlag lenkt die Gäste auf ihre Plätze. 20.03 Uhr: Der Festivalchef betritt die Bühne. Andrea und ich sitzen in Reihe 16, etwa mittig. Ich drehe mich um: kaum vorstellbar, dass hier bis vor vier Stunden noch im täglichen Betrieb gearbeitet wurde! Ich denke an Carstens’ Satz, der die Entspanntheit bestätigt: „Wir haben einfach ein paar Kisten zur Seite geschoben und Schritt für Schritt aufgebaut.” Für ein Konzert von Weltklasse. „Applaus für die neue Spielstätte!” Kuhnt übergibt die Bühne an die Musiker: Einmarsch vom hinteren Ende der Gästeränge. Um 20.07 Uhr stehen sie auf der Bühne. Schwarz-weiß, lässig, hoch-professionell. Ich lasse los, genieße.

Musiker mit Leib und Seele © TA.SH

Musiker mit Leib und Seele © TA.SH

Kulturelles Highlight im Schleswig-Holsteinischen Jahr: das SHMF. © TA.SH

Schleswig-Holstein Musik-Festival © TA.SH

Canadian Brass Spieler im Einsatz © TA.SH

Canadian Brass” sind die perfekte Wahl für die neue SHMF-Kulisse: kurzweilig spielen sich die fünf Bläser durch die Musikgeschichte, überzeugen durch virtuose Soli und sympathischen Witz in Gestik und Moderation. 1970 gegründet, ist die Geschichte von „Canadian Brass” nur wenig älter als die des Westhofs in den Händen der Familie Carstens. Launig spielt sich die Truppe um Gründungsmitglied und Tubist Chuck Daellenbach von der Klassik bis zu „Penny Lane”. Ihr choreographischer Höhepunkt: einbeinige Posen zum „original Canadian ballet”, die Instrumente sicher in der Hand, die weiß beturnschuhten Füße in die Luft geworfen. Das Publikum ist begeistert. Drei Zugaben. Standing Ovations. Bis 22.11 Uhr. Nachtruhe in der Tomatenwiege!

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