Wir sind dann mal weg

und pilgern durch die Holsteinische Schweiz

Pilgern – und sei es für einen Tag – ist für uns beide ein Novum: Einfach mal raus, in die Natur eintauchen, vom Alltag und vor allem dem Handy Abstand erhalten – all das, geht mir durch den Kopf, seit wir in einer Mittagspause über Pilgern und Klosterurlaub zu sprechen kamen. Seither steht bei meiner Kollegin Katrin und mir eine Pilgertour auf unserer „Bucketlist“ für den Glücksküstenschnack.

Die Kolleginnen und Kollegen witzeln, ich könne nicht schweigen. „Von wegen! Herausforderung angenommen!“, sage ich großspurig wie Barney Stinson. Ob das eine gute Idee ist – ich bin ja eigentlich eher der kommunikative Typ?! Aber eine Auszeit in der Natur, zur Ruhe kommen und durch die wunderschöne Holsteinische Schweiz wandern – ich freue mich auf den Tag!

¡Buon Camino! oder: Unterwegs auf dem Jakobsweg

Unser erster Zwischenstopp ist der Plöner Aussichtsturm.

Unser erster Zwischenstopp ist der Plöner Aussichtsturm. © TA.SH

Katrin und ich entscheiden uns für eine rund 20 Kilometer lange Etappe von Plön nach Preetz. Von Kiel in Richtung Lübeck verläuft einer von zwei Wegen der Via Jutlandica. Diesen laufen wir entgegen der offiziellen Ausschilderung: Als Ort der Stille, Einkehr und Spiritualität ist das Adelige Kloster Preetz unser Tagesziel. Wir sind nachmittags zu einer Führung angemeldet. Die An- und Abreise ist einfach: Wir nehmen den Zug.

Pilgern ist Gehen bei jedem Wetter und so starten wir angesichts der Wettervorhersage regenfest am Bahnhof Plön. Nach einem kurzen Stopp an der Nikolaikirche setzen wir unseren Weg in Richtung Parnaßturm fort. Der Aussichtsturm trägt seinen Namen nach dem Hügel Parnaß, auf dem er seit 1888 steht: In 85 Metern Höhe überm Meeresspiegel genießt man einen tollen Ausblick über Plön und die umliegende Seenlandschaft. Im Westen bahnt sich die Sonne bereits ihren Weg durch die Wolken – ab Mittag wandern wir bei bestem Sommerwetter und angenehmen Temperaturen in Richtung Preetz.

Kühe, Schafe und der Herbst

Manchmal bieten Lücken in den Wallhecken nette Ausblicke wie hier auf die weidenden Kühe.

Manchmal bieten Lücken in den Wallhecken nette Ausblicke wie hier auf die weidenden Kühe. © TA.SH

Von Plön aus führt uns ein Redder entlang des kleinen Plöner Sees. Der Feldweg ist links und rechts von Wallhecken gesäumt ist, alles grünt und blüht – und duftet: nach saftigem Grün und feuchter Erde. Wir entdecken die ersten Haselnüsse und reifen Brombeeren; der Herbst streckt seine zarten Fühler aus. Ab und zu geben Lücken im Gebüsch den Blick frei auf Felder und Wiesen. Herrlich.

Der Feldweg mündet in eine Dorfkreuzung. Ab jetzt führt uns die Via Jutlandica durch zauberhafte Straßendörfer und entlang an Dorf- und Landstraßen. In Rathjensdorf fällt uns ein „Goldener Hahn“ ins Auge – die Auszeichnung erhielt die Gemeinde 1963 als „Schönstes Dorf“. Am Ortsende treffen wir auf eine Herde Schafe – ich bin begeistert. Die getigerte Hofkatze wird auf der Suche nach Streicheleinheiten ein Fan von Katrin. Wir genießen den kurzen tierischen Zwischenstopp – und die Sonne, die uns von nun an begleitet.

Machen Claudia glücklich: Schafe auf der Weide in Rathjensdorf.

Machen Claudia glücklich: Schafe auf der Weide in Rathjensdorf. © TA.SH

Weiter geht es an einer von hohen Hecken gesäumten Landstraße, dem Preetzer Redder, vorbei an Mais- und Kornfeldern. Die Landschaft wird flacher, in der Ferne sehen wir einen Kirchturm hinter den Wallhecken hervorlugen. Radfahrer – Tagesausflügler mit E-Bikes – überholen uns oder kommen uns entgegen. Nicht ohne ein fröhliches „Moin Moin“.

Letzte Pause: Endspurt!

Kurz nachdem wir die B76 nach Preetz erreichen, entdecken wir eine kleine Kirche aus gelbem Backstein – die Kapelle Sophienhof aus dem Jahr 1873. Errichtet wurde sie im byzantinischen Rundbogenstil, wie er bei orthodoxen Kirchen in Osteuropa vorherrscht. Wir bestaunen den schlichten Kirchenraum, der verschlossen ist. Die einstige Kapelle des Gutes Sophienhof ist eine beliebte Tauf- und Traukirche, zur Sommersaison finden Konzerte statt. Über dem eindrucksvollen Portal prangt der einladende Spruch „Dem Wanderer zur Einkehr“ – gesagt getan: Wir verweilen kurz, lassen den müden Füßen eine Pause und stimmen uns auf die letzte Wegetappe ein: Noch vier Kilometer bis Preetz.

Überragt den Kirchensee in Preetz: die Stadtkirche.

Überragt den Kirchensee in Preetz: die Stadtkirche. © TA.SH

Zugegeben – diese vier Kilometer haben es in sich! Sie ziehen sich hin, die Zeit läuft uns davon, wir werden etwas ungeduldig: Um 15 Uhr werden wir im Kloster Preetz erwartet. Am Preetzer Kirchensee biegen wir auf die Klosterroute ab: Am Ende des Kirchensees blicken wir auf die alles überragende Stadtkirche – ein tolles Panorama! So müssen sich Pilger fühlen, die die Kathedrale in Santiago de Compostela erreichen. Bevor wir die Kirche umrunden und zügig in Richtung Kloster laufen, machen wir auf einem Bootssteg eine letzte kurze Rast. Das Innehalten gehört zum Pilgern einfach dazu.

Unser Tagesziel: das Adelige Kloster zu Preetz

Als wir durch einen Torbogen das Klostergelände betreten, staune ich: Eine solch große, intakte Anlage hatte ich nicht erwartet. Schließlich gibt es in Schleswig-Holstein seit der Reformation nur wenige erhaltene Klöster. Die meisten sind heute Orte der Kultur und Begegnungsstätten.

Die Preetzer Orgel bietet von unten betrachtet einen tollen Anblick.

Die Preetzer Orgel bietet von unten betrachtet einen tollen Anblick. © TA.SH

Priörin Viktoria von Flemming erwartet uns bereits zu einer Führung: Die Klosterkirche ist nur mit Führung und bei Konzerten zu besichtigen. Das Gelände ist jedoch jederzeit zugänglich. Staunend stehen Claudia und ich im Kircheninnern vor der imposanten Orgel. Das älteste Bauteil stammt aus dem Jahr 1573. „Die Akustik im Kirchenraum ist einmalig“, schwärmt von Flemming. Das glauben wir sofort und planen, zu einem der Orgelkonzerte wiederzukommen. Der Besuch des denkmalgeschützten Ensembles ist damit mehr als nur das Ziel unserer Wandertour – es ist der krönende Abschluss!

Die Kirche in der Kirche

Das Kircheninnere birgt eine weitere Überraschung: Hinter einer 4,50 Meter hohen weiß getünchten Mauer verbirgt sich der Nonnenchor. Während die Laien bzw. das Personal vor der Mauer sitzen mussten, saßen die Nonnen – später die Konventualinnen des Damenstifts – im schmuckvoll bemalten Chorgestühl aus dem 15. Jahrhundert.

Beeindruckend ist der Blick vom Nonnenchor zur Orgel in der Preetzer Klosterkirche.

Beeindruckend ist der Blick vom Nonnenchor zur Orgel in der Preetzer Klosterkirche. © TA.SH

Die Ursprünge der Kirche liegen zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Das einstige Benediktinerinnen-Kloster, wurde – wie die Klöster in Uetersen, Itzehoe und Schleswig – nach der Reformation in ein Damenstift umgewandelt. Altäre, Skulpturen, Tafelbilder und Fresken: Jedes Stück erzählt eine Geschichte. Aufmerksam lauschen wir den Ausführungen von Viktoria von Flemming zur Kloster- und Adelsgeschichte Schleswig-Holsteins, die heute noch lebendig ist und fortgeführt wird: Die Klosterordnung von 1636 gilt bis heute.

In der Stille der Klosterkirche vergeht die Zeit wie im Fluge! Mit vielen Eindrücken, einem Kloster-Guide und Konzertflyern im Gepäck verabschieden wir uns von Viktoria von Flemming. Spätestens zum Weihnachtsmarkt sehen wir uns wieder!

Auf dem Weg zum Bahnhof Preetz legen wir eine größere Pause ein – und gönnen uns im Café Grün am Markt ein leckeres Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee (Markt 24, Tel. 04342-711 52 07).

Tipps für Ihre Pilgertour

Zum Abschluss genießen wir Kaffee und Kuchen im Café Grün in Preetz.

Zum Abschluss genießen wir Kaffee und Kuchen im Café Grün in Preetz. © TA.SH

Die Führungen durch die Klosterkirche Preetz finden von Mai bis September statt, montags bis sonntags um 15 Uhr. Dienstags, mittwochs und freitags zusätzlich um 11 Uhr. Gruppen melden sich bitte vorher an. Weitere Informationen unter Tel. 04342 / 86 82 9 oder klosterpreetz.de.

Sie möchten für einen Tag Probepilgern oder eine längere Wanderung unternehmen? Pilgerangebote gibt es in Schleswig-Holstein für jeden Bedarf: Drei Jakobswege führen durch den echten Norden: die Via Jutlandica, die Via Baltica und die Via Scandinavica. Regionale Themenrouten wie der Vicelinweg oder Radfernwege wie der Mönchsweg folgen den Spuren der Christianisierung durch das schleswig-holsteinische Binnenland. Die Halbinsel Eiderstedt mit ihren 18 Kirchen erkunden Sie bei Tages- oder mehrtägigen Sterntouren.

 

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