Zwischen Himmel und Meeresgrund

auf Wattwanderung
Guter Draht zum Himmel - die Wolken werden weggeschoben

Guter Draht zum Himmel – die Wolken werden weggeschoben. © TA.SH

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Tja, und wir werden ihn fangen, den Wattwurm, aber dazu später mehr. Auf Einladung von Umweltminister Robert Habeck trifft sich eine illustre Runde zum 30. Geburtstag des Nationalparks Wattenmeer zu einer großen Wattwanderung. Am Ende des Tages wird sich zeigen: es ist sogar eine sehr, sehr große Wattwanderung. Los geht es auf dem Bauhof des LKN (Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz). An dieser Stelle schon einmal stellvertretend vielen Dank an Detlef Hansen und Hendrik Brunckhorst vom LKN für diesen tollen und für mich unvergesslichen Tag im UNESCO-Weltnaturerbe.

 

Pünktlich um sieben Uhr früh starten wir. Rüber über den Deich und direkt ins Watt, denn die Ebbe hat schon eingesetzt. Unsere erste Etappe führt uns zur gut zehn Kilometer entfernten Hallig Langeneß. Wir haben also ein gutes Stück vor uns und einen straffen Zeitplan. Irgendwer aus unserer Gruppe muss einen guten Draht zum Himmel haben: das Wetter präsentiert sich von seiner besten Seite, und das wird den ganzen Tag so bleiben. So gehen wir ein Stück ins Watt hinaus, spüren den Schlick unter den Füßen, nehmen die ersten Eindrücke auf, bis uns einer unserer Wattführer das erste Mal anhalten lässt. Wir kommen im Kreis zusammen, schließen die Augen und lauschen nur. Wir drehen uns um, öffnen die Augen und schauen nur. Was empfinden wir? Was denken wir? Wie können wir es beschreiben? Langsam tauchen wir in die Weite des Wattenmeers ein.

Torf im Watt

Torf im Watt © TA.SH

Wir lassen diese atemberaubende Naturlandschaft auf uns wirken, vergessen den Alltag und erfahren auch eine ganze Menge über das Watt.

Torfstechen im Watt? Na, klar! Nicht mehr heute, aber im Mittelalter wurde das schon gemacht, da gab es genügend davon und Reste findet man auch heute noch. Martin Stock, Biologe und beruflich im Monitoring der Salzwiesen im Wattenmeer zuhause, zeigt und erklärt uns noch viel mehr. Wir nehmen uns die Zeit und rollen das Wattfenster aus – eine feste Plane aus Kunststoff mit einer Öffnung in der Mitte.

Auf ins Watt © TA.SH

Im Kreis legen wir uns bäuchlings ganz flach auf die Plane und lauschen den Erklärungen des Experten. Leider haben wir nicht so viel Zeit, aber wer mehr wissen möchte, kann Seminare an der Volkshochschule Husum bei ihm buchen. Wer wirklich tolle Fotos aus dem Wattenmeer sehen möchte, dem empfehle ich die Seite Wattenmeerbilder.

Zu lange dürfen unsere informativen Stopps nicht dauern. Die Flut kommt mit Sicherheit und wir haben heute noch einiges vor uns. Kurze Orientierung. Wo geht es lang? Wir lassen die Hallig Oland links von uns liegen. Wegweiser sind auch die bei Ebbe weithin sichtbaren Pricken (Priggen), die das Fahrwasser für die Schifffahrt markieren.

Die Pricke (Prigge) weist den Weg

Die Pricke (Prigge) weist den Weg. © TA.SH

Uns fallen die ganze Zeit schon diese sandigen Haufen auf, die wie Spaghetti aussehen. Aber was verbirgt sich dahinter? Die Erklärung kommt in wenigen Minuten. Zuerst heißt es aber einmal, aus unserem Kreis einen Vogel aussuchen. Den frühen Vogel, der den Wurm fängt. Gar nicht so einfach, aber im zweiten Versuch klappt es und wir haben einen Wattwurm gefangen.

Der Wattwurm, ein Borstenvieh mit 33 Leben! Unsere Wattführerin Anne Segebade erklärt uns ausführlich, was es damit auf sich hat und wie diese Spaghettihaufen zustande kommen.

 

Anschleichen und zustechen

Anschleichen und zustechen © TA.SH

Erwischt! Da ist der Wattwurm

Erwischt! Da ist der Wattwurm. © TA.SH

Der Wattwurm ein Borstenvieh mit 33 Leben

Der Wattwurm: ein Borstenvieh mit 33 Leben. © TA.SH

 

 

 

 

 

 

Langsam taucht die Hallig Langeneß am Horizont auf. Wir werden bereits erwartet. Der Verein Schutzstation Wattenmeer betreibt dort eines seiner Seminarhäuser. Der Verein ist als Naturschutzgesellschaft ein Nationalparkpartner und bietet viele Veranstaltungen wie Wattführungen, Klassenfahrten und Seminare an. Das Team des Seminarhauses hat eine kleine Stärkung für uns vorbereitet: selbstgebackene Brötchen, Halligkäse, veganer Brotaufstrich … Sehr, sehr lecker! Nach diesem zweiten Frühstück geht es mit dem Planwagen zum Fähranleger und von dort mit dem Schiff nach Wittdün auf Amrum.

Dr. Thomas Chrobock erläutert das Steenodder Kliff

Dr. Thomas Chrobock erläutert das Steenodder Kliff. © TA.SH

Am Hafen werden wir von Dr. Thomas Chrobock, dem Leiter des Naturzentrums Amrum, zur zweiten Etappe des heutigen Tages erwartet. Nach kurzem Fußmarsch wechseln wir das Mittel der Fortbewegung und es geht aufs Rad. Wir werden die Insel von Süd nach Nord auf dem Drahtesel erkunden.

Da die Mittagszeit schon angebrochen ist, pausieren wir im Seefohrerhus.

Lecker Fisch im Seefohrerhus

Lecker Fisch im Seefohrerhus © TA.SH

Gestärkt von der reichhaltigen Auswahl an Meeresspezialitäten schwingen wir uns erneut auf den Sattel, entlang an der Ostküste der Insel hin zum Kliff Ual Aanj.

Weiter geht es in entspannter Atmosphäre und gemütlichem Tempo durch das bildschöne Örtchen Nebel, vorbei an einer Heidelandschaft hinein in den Wald. Was für ein krasser Gegensatz zum Watt!

Friesisch:  Ual Aanj

Friesisch: Ual Aanj © TA.SH

In Norddorf geben wir die Räder ab und machen uns wieder zu Fuß auf den Weg. Die Route führt uns zunächst an den schönsten Inselstrand Deutschlands.

Deutschlands schönster Inselstrand in Norddorf

Deutschlands schönster Inselstrand in Norddorf. © TA.SH

Wir spazieren im gemächlichen Tempo, zeitweise mit einem kritischen Blick zum Himmel. Am Horizont zeichnen sich Gewitterwolken ab. Schnell zücken unsere Wattführer ihre Smartphones und vergleichen die Wetterdienste. Müssen wir abbrechen? Können wir nicht noch nach Föhr wandern? Zum Glück fallen die Gewitterwolken wieder in sich zusammen. Entwarnung! So steht unserer dritten und letzten Etappe nichts mehr im Wege.

Pink ist die Farbe des Glücks

Pink ist die Farbe des Glücks. © TA.SH

Langsam und behutsam machen wir uns auf den Weg vom Strand durch die Dünen und erreichen die Odde. Dort sind wir vom Verein Jordsand eingeladen. Hier sind eine ganze Reihe ehrenamtliche Vogelwärter engagiert, die ganzjährig die Vogelwelt in dieser fast unberührten Dünen- und Strandlandschaft betreuen. Neben den vielen Naturschutz-Maßnahmen bieten sie den Urlaubsgästen naturkundliche Führungen an. Toll, dieses Engagement, das oft auch über mehrere Generationen ganze Familien begeistert.

Herrliche Dünenlandschaft

Herrliche Dünenlandschaft. © TA.SH

Es ist mittlerweile kurz nach 19 Uhr und wir haben noch fast drei Stunden anspruchsvolle Wattwanderung vor uns. Etliche aus unserer Wandergruppe haben sich schon für die letzte Etappe präpariert. Hose gegen kurze Short getauscht oder gleich den Badeanzug angezogen. Nochmal ein prüfender Blick, ob die Wechselkleidung auch gut geschützt verpackt ist. Müssen wir doch auf der Tour zur Insel Föhr den einen oder anderen Priel durchwaten. So ein Priel ist nicht ohne, Wasserstände können sich innerhalb von Minuten erheblich ändern und die oftmals großen durchfließenden Wassermengen können zu hohen Fließgeschwindigkeiten führen, die selbst gute Schwimmer überfordern. Hüfthohes Wasser wurde angekündigt. Die Frage ist nur, wessen Hüfte als Maß genommen wurde?

Schaut her, hier ist das Glückswachstumsgebiet

Schaut her, hier ist das Glückswachstumsgebiet. © TA.SH

Die ersten tasten sich ganz vorsichtig vor, versinken immer weiter mit den Beinen im Wasser, Shorts saugen sich mit Wasser voll. Bis zum Hals steht das Wasser keinem, aber je nachdem, wo man den Priel genau durchquert, wird es tiefer oder noch ein bisschen mehr. Kurz mit dem Handtuch abgerubbelt, Wechselklamotten an und weiter geht´s Richtung Dunsum auf Föhr.

Im letzten Licht der untergehenden Sonne erreichen wir wieder festen Boden unter den Füßen. Zum Abschluss des Tages noch ein kurzer Schiffstörn von Wyk auf Föhr zurück zum Festland nach Dagebüll und ein verdientes Abschlussbier.

Ein erlebnisreicher, anstrengender und wunderbarer Tag neigt sich kurz vor Mitternacht dem Ende und Minister Robert Habeck hat mit seinen Begrüßungsworten vom Morgen Recht behalten:

„Am Ende des Tages werden wir alle kaputt, aber glücklich sein!“

Lohn für eine außergewöhnliche Tour - Sonnenuntergang im Watt

Lohn für eine außergewöhnliche Tour: Sonnenuntergang im Watt. © TA.SH

 

2 Antworten

  1. Moin Torge,
    ein sehr schöner und informativer Bericht!
    Schönen Gruß
    Helmut

    • Torge Rupnow Torge Rupnow

      Moin Helmut,
      freut mich sehr, dass der Bericht gefällt. Es war ein toller Tag und die körperliche Anstrengung hat sich mehr als gelohnt.
      Ich war auch gerade schnell auf Deiner Seite http://www.halligbilder.de. Das sind ja wahnsinnig tolle Aufnahmen. Klasse!
      Vielen Dank für dein Feedback.
      Beste Grüße aus Kiel
      Torge

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