Zwischen Zitronen, Schwertern und kostbaren Stoffen

zeigt uns ihren Arbeitsplatz: das Europäische Hansemuseum in Lübeck

Meine Hand gleitet über die wuchtigen Holzfässer, während meine Augen schon von den Stoffbahnen abgelenkt sind: Sie leuchten am Ende des Raumes in allen Farben des Regenbogens. Hinter einem Kaufmannsstand glänzen Rüstungen und Waffen, dahinter stehen aufgereiht in einem kleinen Schränkchen Gewürze aus aller Welt. Mein Ohr ist erfüllt von den leisen Gesprächen der Besucher neben mir – und es erklingt Musik, die mich direkt in die Epoche der Hoffräuleins und Könige, der Ritter und Kaufmänner – oder kurz gesagt: in das Mittelalter und die Zeit der Hanse – versetzt. All das erlebe ich nicht mithilfe einer Zeitmaschine, sondern einfach an dem Ort, an dem ich täglich meiner Arbeit nachgehe: dem Europäischen Hansemuseum in Lübeck.

Mittendrin: Hansegeschichte zum Anfassen

Feingewebte Stoffe waren in Brügge als Handelsware besonders beliebt. © Olaf Malzahn

Feingewebte Stoffe waren in Brügge als Handelsware besonders beliebt. © Olaf Malzahn

Manch ein Besucher ist zunächst irritiert, wenn er unsere Ausstellung betritt: Hier warten nämlich nicht nur klassische Museumsräume mit Vitrinen und Exponaten, sondern eben auch Inszenierungen, die Schlüsselmomente der Hansegeschichte darstellen – und zum Anfassen und Erleben mit allen Sinnen einladen. Mein Lieblingsort ist die Inszenierung der Oude Halle, die im Original in Brügge zu finden ist. Der nachgebaute Handelsraum – die Alte Tuchhalle – ist für mich wie eine kleine Schatzkammer, denn in jeder Ecke wartet eine neue Ware, die es zu entdecken gilt.

Anfassen ist hier ausdrücklich erlaubt! © Europäisches Hansemuseum

Anfassen ist hier ausdrücklich erlaubt! © Europäisches Hansemuseum

Nicht nur mit Stoffen haben die Fernhändler des 14. Jahrhunderts hier Geschäfte gemacht, sondern auch mit Metallwaren, Wachs und Lebensmitteln, wie zum Beispiel exotischen Früchten. So können Besucherinnen und Besucher einen Wachsklumpen ertasten (der übrigens oft fälschlicherweise für einen Käse gehalten wird), fühlen, wie schwer ein Ritter an seinem Kettenhemd zu tragen hatte oder einem Handelsgespräch lauschen. Wenn ich dabei den Blick auf dem Handelsstand in der Mitte des Raumes verweilen lasse, fällt es mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie die Oude Halle zur Zeit der Hanse voller Menschen war, die an den Verkaufsständen um den Preis gefeilscht haben.

Auf Stippvisite in Brügge

Jeder feingewebte Reliquienbeutel, jeder Stoffballen und jedes Schwert ist dabei wissenschaftlich fundiert rekonstruiert – so dass man, obwohl nur als Nachbildung betrachtet, das Gefühl hat, im echten Brügge des Jahres 1361 zu stehen. Doch nicht nur das ist es, was mich an diesem Raum so reizt, sondern auch dessen geschichtlicher Hintergrund und Bedeutung für die Hanse.

Infos gibt’s mit dem Ticket an den Bildschirmen. © Europäisches Hansemuseum

Infos gibt’s mit dem Ticket an den Bildschirmen. © Europäisches Hansemuseum

Hier in Flandern war die Drehscheibe des internationalen Handels, und hier liegt vielleicht der wahre Geburtsort der Hanse. Denn als die Stadt Brügge von ihnen höhere Abgaben forderte und ihre Handelsrechte einschränkte, stellten die niederdeutschen Kaufleute von 1358 bis 1360 ihre gesamte Ein- und Ausfuhr nach und aus Flandern ein. Dieser Handelsboykott beschwörte eine vorher nicht gekannte Einigkeit herauf – und man gab sich sogar einen Kampfnamen: De Dudesche Hense, die Deutsche Hanse.

Den Alltag der Kaufleute erleben

Solche Infos vermitteln inmitten der mittelalterlichen Handelshalle moderne Bildschirme in vier Sprachen, die ich ganz einfach mit meinem Ticket aktiviere. Das kleine bunte Stück Papier ist mein Begleiter in der Ausstellung und bietet sogar die Möglichkeit, zusätzliches Wissen zu einer Lieblingsstadt und einem Lieblingsthema abzurufen.

Auch am Ufer der Newa gibt es einiges zu entdecken. © Europäisches Hansemuseum

Auch am Ufer der Newa gibt es einiges zu entdecken. © Europäisches Hansemuseum

Egal, ob am Ufer der Newa zwischen Schilf und Koggen, auf der mittelalterlichen Lübecker Baustelle mit Werkzeugen und Backsteinen, auf den geschichtsträchtigen Bänken des Hansesaals oder inmitten einer Gruppe von Mönchen, das Motto „Anfassen ist ausdrücklich erlaubt“ zieht sich natürlich durch alle Inszenierungen des Hansemuseums – auch wenn mir die Oude Halle immer noch am liebsten ist.

Wenn es also im Büro stressig wird, dann gehe ich gerne einfach mal kurz in die Ausstellung und versetze mich wieder in die Rolle einer Besucherin, die das Museum zum ersten Mal entdeckt. Ich betrete die Oude Halle, und lasse, umgeben von bunten Handelswaren und atmosphärischer Musik, die Zeit der Hanse vor meinem inneren Auge auferstehen. Das hilft mir nicht nur dabei, Menschen für unser Museum zu begeistern, sondern macht mich auch glücklich, einen solch außergewöhnlichen Ort meinen Arbeitsplatz nennen zu dürfen.

Ihr Besuch im Hansemuseum

Herzlich willkommen im Europäischen Hansemuseum in Lübeck! © Europäisches Hansemuseum 2017

Herzlich willkommen im Europäischen Hansemuseum in Lübeck! © Europäisches Hansemuseum 2017

Das Europäische Hansemuseum in Lübeck hat täglich (außer Heiligabend) von 10 bis 18 Uhr geöffnet und beinhaltet neben der Dauerausstellung im Neubau auch das Burgkloster, einen ehemaligen Dominikanerkonvent. Der Eintritt beträgt 12,50 Euro, ermäßigt 11,00 Euro. Es sind auch Kindertickets und spezielle Familienangebote erhältlich. Jeden Dienstag und Sonntag kann die Dauerausstellung gemeinsam mit den Museums-Guides bei öffentlichen Führungen erkundet werden. Zu ausgewählten Terminen bietet das Museum auch Familienrundgänge an.

Mein persönlicher Tipp: Noch bis zum 26. November präsentiert die Sonderausstellung „Geld. Macht. Glaube“ die wirtschaftliche Seite der Reformation – und zeigt, dass hinter der Glaubensspaltung noch viel mehr steckt als nur Martin Luther und seine berühmten 95 Thesen. Mehr Infos zum Museum und der Sonderausstellung unter: www.hansemuseum.eu.

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